Wenn Mutti früh zur Arbeit geht

Ein Gespräch mit Kristen Ghodsee über die (Un-)Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Kind, Liebe und Beruf und warum der Sex im Sozialismus besser war

Jahr 30 nach der Wiedervereinigung. Für junge Frauen, die heute Mütter werden, ist fortgesetzte Berufstätigkeit zwar keine Frage mehr, wohl aber die Vereinbarkeit von Kindern, Karriere und erfüllender Partnerschaft. Wenn die eigene Mutter in Ostdeutschland aufgewachsen ist, hören sie womöglich, dass zumindest dieser Teil des Lebens früher einfacher war. Die amerikanische Ethnologin Kristen Ghodsee bestätigt diese Wahrnehmung.

 

Text: Janina Gatzky
Fotos: terentiewshura/stock.adobe.com

Séparée: Sie sind Professorin für Russische und Osteuropäische Studien und haben u.a. in Princeton, Rostock und Freiburg zum Alltagsleben im Sozialismus und Postsozialismus sowie den geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Umbrüche nach dem Ende des Kalten Kriegs geforscht. Darum geht es auch in Ihrem Buch „Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“. Kurz gefragt: Waren bzw. sind Frauen im Sozialismus wirklich besser dran?

Kristen Ghodsee: Natürlich kann man diese Aussage nicht einfach für die gesamte sozialistische Welt über alle historischen Epochen hinweg verallgemeinern. Aber wenn ich die sozialistischen mit den kapitalistischen Ländern im 20. Jahrhundert vergleiche, würde ich behaupten, dass für heterosexuelle Frauen mit Kindern das Leben im Sozialismus besser war. Klar gibt es hier Ausnahmen. In einigen Ländern und zu manchen Zeiten waren die Umstände für Frauen alles andere als rosig. Nehmen wir zum Beispiel Rumänien zwischen 1966-1990 oder die Sowjetunion während der stalinistischen Ära. Was ich jedoch meine, sind speziell die Rechte und Möglichkeiten von Frauen in Gesellschaften, die in größerem Maße sozialistisch geprägt waren bzw. sind. Trotz systeminhärenter Probleme und Planwirtschaft waren die Frauenrechte ein Bereich, in dem der Osten uns wirklich einen deutlichen Schritt voraus war. Ich glaube, das bestreitet heute auch niemand mehr. Selbst konservative anglophone Medien, wie die Financial Times und der Economist, räumen heute ein, dass die sozialistischen Länder den Frauen mehr Bildungs- und Berufschancen boten als der kapitalistische Westen, insbesondere in Fächern wie Mathematik, Wissenschaft und Technik.

Wie trägt der Sozialismus zu mehr Gleichheit zwischen den Geschlechtern bei?

Indem möglichst viel reproduktive Arbeit, sprich das Großziehen und die Erziehung der Kinder, in die Gesellschaft auslagert, was es für Frauen leichter macht, die eigene Ausbildung und berufliche Entwicklung mit ihrer Verantwortung als Mütter zu vereinbaren. Für Ihre Leserinnen und Leser ist es sicher kein Geheimnis, aber die meisten Amerikanerinnen und Amerikaner trauen ihren Ohren nicht, wenn sie erfahren, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der DDR politisch gefördert wurde. Bereits 1950 gewährte die DDR berufstätigen Müttern mit mehr als zwei Kindern spezielle Mutterschaftsbeihilfen und Kindergeld sowie elf Wochen bezahlten Mutterschaftsurlaub, einschließlich Beschäftigungsgarantie bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz. Ab 1952 hatten verheiratete Frauen Anspruch auf einen monatlichen Haushaltstag, d.h. einen bezahlten Urlaubstag, um ihre Aufgaben im Haushalt zu erledigen. Und 1958 wurde das Mutterschaftsgeld erhöht und auf alle Familien ausgeweitet – auch auf solche mit nur einem Kind. Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die meisten dieser Maßnahmen in Ostdeutschland bereits in Kraft waren, bevor Frauen im Westen 1957 überhaupt erst das Recht erhielten, ohne die Erlaubnis ihres Ehemannes außer Haus zu arbeiten. Und in den Vereinigten Staaten haben wir bis heute keinen bezahlten Elternurlaub!

Diese Leistungen wurden nach 1972 mit der Erhöhung des Kindergeldes und der Schaffung des Babyjahres massiv ausgebaut und noch großzügiger gestaltet. Auch weil von den Frauen erwartet wurde, dass sie arbeiten gehen, finanzierte der Staat ein breites Netz von Kinderkrippen und Kindergärten. Vor der Wiedervereinigung besuchten 95 Prozent der DDR-Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren einen Kindergarten. Und 80 Prozent der Kinder unter drei hatten einen Krippenplatz. Diese Politik war in den ehemals sozialistischen Ländern weit verbreitet (obwohl der Mutterschutz in der UdSSR erst 1981 in einem ähnlichen Maße ausgebaut wurde). Die DDR, Bulgarien und Ungarn standen in diesem Bereich wirklich an vorderster Front, aber die meisten anderen Länder im Osten folgten bald ihrem Beispiel. Indem der sozialistische Staat die Frauen von ihrer Rolle als Hausfrauen befreite, erkannte er an, dass die Reproduktionsarbeit von Frauen ein soziales Gut und kein Privatvergnügen ist, und bemühte sich, der Arbeit, die Frauen im Haushalt verrichten, einen sozialen Wert zu geben.

Und wie wirkt sich das auf das Sexleben aus?

Erstens: Wenn heterosexuelle Frauen wirtschaftlich von Männern abhängig und nur im Haushalt tätig sind, haben sie wenig Macht in der Beziehung zum Partner. Wenn eine verheiratete Frau in einer Beziehung lebt, in der ihr Mann Gewalt gegen sie ausübt, sie unglücklich ist oder die Beziehung (einschließlich im Schlafzimmer) zu wünschen übriglässt, muss sie die Möglichkeit haben, die Beziehung zu beenden, ohne wirtschaftlich den Kürzeren zu ziehen. Das ist jedoch schwierig, wenn sie Hausfrau ist. Warum sollte er dann irgendeinen Antrieb verspüren, sich zu ändern. Deutlich einfacher wird es, wenn sie selbst in der Lage ist, ihren Lebensunterhalt außer Haus zu verdienen.

Zweitens macht der Kapitalismus die Sexualität zur Ware. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, was damit gemeint ist. Nach Ansicht frühsozialistischer Denkerinnen und Denker wie August Bebel und Alexandra Kollontai macht die bürgerlich-monogame Ehe die Sexualität der Frau zu einer Ware, die gehandelt und deren Marktpreise von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Deutlich wird diese Theorie in Ländern, in denen es noch üblich ist, einen Brautpreis zu zahlen bzw. wo Frauen eine Mitgift mit in die Ehe bringen. Dabei wird Geld gegen Frau getauscht. Im ersten Fall kauft die Familie des Ehemannes ihm eine Frau; im zweiten Fall bezahlt die Familie der Braut den Ehemann dafür, dass er ihnen die Tochter abnimmt. Gesellschaften, in denen ein Brautpreis gezahlt wird, sind im Allgemeinen Gesellschaften, in denen Frauen auf den Feldern arbeiten und neben Nachkommen auch wirtschaftlichen Wert produzieren. Wobei in Gesellschaften, in denen eine Mitgift in die Ehe eingebracht wird, Frauen nicht außer Haus arbeiten und daher „keinen“ Wert produzieren. Auch nachdem der Brauch der Mitgift aus der Mode gekommen war, wurde von den Frauen nicht mehr erwartet, außer Haus zu arbeiten. Frauen wechselten von der wirtschaftlichen Abhängigkeit von ihren Vätern in die wirtschaftliche Abhängigkeit von ihren Ehemännern. Alle sozialistischen Theoretiker*innen glaubten, dass Frauen besser dran wären, wenn sie nicht mehr wie Eigentum behandelt würden. Einige, wie Bebel und Kollontai, argumentierten ausdrücklich, dass Sex in Beziehungen, die von allen wirtschaftlichen Zwängen befreit sind, natürlicher und authentischer sei.

Lässt sich nachweisen, dass der Sozialismus tatsächlich zu einem unkomplizierteren Umgang mit Sex und Nacktheit beiträgt? Wenn ich mir prozentual unsere Abo-Zahlen ansehe, scheint das für Ostdeutschland zu stimmen. Und auch wir, die Herausgeberinnen der Séparée, sind beide im Osten groß geworden.

In einigen Ländern trug der Sozialismus definitiv zu einer entspannteren Einstellung in punkto Sexualität bei, obwohl es auch hier wieder große Unterschiede innerhalb des Ostblocks gab. Die Sexualerziehung in der Sowjetunion, Rumänien und Albanien, die tendenziell konservativer waren, ließ sehr zu wünschen übrig, während die DDR, Ungarn, die Tschechoslowakei und Jugoslawien eine sehr liberale Einstellung vertraten, insbesondere im Hinblick auf die weibliche Lust und die Bedeutung des weiblichen Orgasmus. So wurde z. B. Sigfried Schnabls Buch „Mann und Frau Intim“ (das sehr präzise Anweisungen dazu enthielt, wie man Frauen Lust bereiten kann) zwischen 1969 und 1990 in der DDR in 18 Auflagen verlegt. Außerdem wurde es ins Spanische, Portugiesische, Slowakische, Russische, Litauische, Rumänische und Bulgarische übersetzt. In der damaligen Tschechoslowakei wurden zwischen 1975 und 1985 vier Auflagen gedruckt. Manche Leute argumentieren, dass die liberalere Einstellung zum Sex mit der höheren Zahl an Atheisten in den Ostblockländern zu tun hatte. Aber selbst im katholischen Polen hatten die Menschen ihr eigenes, sehr beliebtes Sex-Handbuch „Die Kunst des Liebens“, das sich nach seiner Erstveröffentlichung 1978 über sieben Millionen Mal verkauft hat. In Jugoslawien gab es Erotikmagazine, darunter „Chik“, das sich an Jugendliche richtete, und „Start“, eine jugoslawische Version des „Playboy“. Die monatlichen Aktfotos im Magazin hatten fast Kultstatus. Ich glaube, in einigen sozialistischen Ländern hatten die Menschen eine viel natürlichere und entspanntere Einstellung zum Sex und zum nackten Körper.

Ostdeutschland ist bzw. war bekannt für seine Kultur des Nacktbadens (FKK). Lässt sich das auch auf den Sozialismus zurückführen?

Laut Josie McClellans Buch „Love in the Time of Communism“ geht die FKK-Bewegung auf die Zeit vor der DDR zurück. Die SED war zunächst sogar gegen den Nudismus. Aber die DDR-Bürger scherten sich nicht um die Verbote der SED und praktizierten das Nacktsein einfach weiter. Es war ein kleines Stück Freiheit, das man sich nahm. Schließlich gab die SED den Versuch eines FKK-Verbots auf und akzeptierte die Praxis als etwas Natürliches und eine besondere Errungenschaft des Sozialismus. Aber ich denke, es ist wichtig zu erkennen, dass die FKK-Kultur in der DDR von der breiten Masse getragen wurde. Anders als im Westen, wo der nackte Körper kommerzialisiert und als Werbemedium zur Ankurbelung des Konsums diente, waren beim FKK im Osten alle auf entspannte Art und Weise gleich. Es war eine Nische, die außerhalb von Politik und Wirtschaft existieren konnte.

In Ihrem Buch behaupten Sie, dass Frauen in den sozialistischen Ländern, weil sie ihr eigenes Einkommen verdienten und wirtschaftlich weniger von Männern abhängig waren, bessere Beziehungsentscheidungen treffen konnten. Einerseits möchte ich dem zustimmen, denn soweit ich mich erinnere, war Scheidung etwas, das meinen Verwandten im Westen zu passieren schien. Niemand in meiner Familie in der Generation meiner Eltern ließ sich scheiden. Andererseits kenne ich viele Frauen (und Männer) in meiner Generation (geboren in den 70er Jahren in Ostdeutschland), die noch immer nicht verheiratet sind. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum wir anscheinend Bindungsphobiker sind, während unsere Eltern mit Anfang zwanzig ihren Traumpartner gefunden haben? Und was könnte das mit dem Sozialismus oder der postsozialistischen Transformationen zu tun haben?

Das ist eine schwierige Frage, weil sie schwer zu verallgemeinern ist. Aber in den Ländern des Ostblocks war es für Paare attraktiv jung zu heiraten, weil sie so eine eigene Wohnung bekommen konnten. Außerdem machte der Staat es Studierenden sehr leicht, Studium und Kinder unter einen Hut zu bringen. Das ist zumindest meine Vermutung. Ich bin in dem Bereich keine Expertin. Wenn man mit Anfang zwanzig heiratet, besteht vielleicht die Chance, dass sich Persönlichkeiten noch formen, wenn man gemeinsam eine Familie und Karriere aufbaut. Im Westen werden Heirat und Kinderkriegen traditionell hinausgezögert, bis Persönlichkeit und Karriere gefestigt sind. Wenn man Ende zwanzig oder dreißig ist, hat sich die eigene Persönlichkeit viel klarer ausgeformt. Vielleicht ist es auch schwieriger, einen Partner zu finden, wenn man älter ist, weil zwei voll entwickelte Persönlichkeiten und vielleicht auch Karrieren miteinander in Einklang zu bringen sind.

Gerade für die Generation, die um 1970 geboren wurde, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass die Geburtenrate in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung dramatisch gesunken ist, genau zu der Zeit, als die meisten jungen Menschen in der DDR geheiratet und Familien gegründet hätten. Zwischen 1990 und 1995 hatten die Länder der ehemaligen DDR die niedrigste Geburtenrate in Friedenszeiten, die jemals in der Geschichte verzeichnet wurde. Vielleicht haben also der Schock und die Unsicherheit der Wende einen großen Tribut von der Generation junger Menschen gefordert, die zwischen 1990 und 1995 geheiratet hätten, wenn sie noch in der DDR gelebt hätten. Sie sahen sich plötzlich in neue gesellschaftliche Erwartungen gedrängt, was bedeutete, die Ehe hinauszuzögern, um zur Selbstverwirklichung zu finden. Vielleicht erwies sich der rasche Erwartungswandel bezüglich des richtigen Alters für die Familienbildung einfach als zu schwer zu bewältigen, und viele Menschen entschieden sich einfach, ganz auf die Ehe zu verzichten.

 
 

Das vollständige Interview, in dem es weiterhin um die Rolle der Männer, den Kapitalismus und die derzeitige globale Krise geht, lesen Sie in Séparée No.26.

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