Die Antibaby-Party-Pille

Lifestyle-Produkt oder Arzneimittel?

Seit 60 Jahren gibt es „die Pille“. Was als Segen begann, erweist sich zunehmend als Fluch. Besonders die neue Generation der Pille und deren freizügige Verschreibung an immer jüngere Mädchen ist mehr als bedenklich.

 

Text: Natalie Grams
Fotos: Katie Little/stock.adobe.com

Die Teenager-Tochter einer guten Freundin, die Apothekerin ist, war kürzlich zum ersten Mal bei der Gynäkologin. Eigentlich nur zum ersten Kennenlernen und Untersuchen, zurück kam sie jedoch mit der Pille. In einem hübschen Schächtelchen, schick designt, alles easy. Meine Freundin war völlig perplex, rief mich an und wir tauschten uns aus. Für die Tochter meiner Freundin ging es noch gar nicht um das Thema Langzeitverhütung. Für uns war nicht nachvollziehbar, warum eine Pille, und noch dazu eine der neuen Generation, so rasch und ohne große Aufklärung verordnet wurde („Kann Thrombose machen, vor allem aber schöne Haut!“).

Dabei fiel uns auf, dass wir wohl zu einer „alten Pillengeneration“ gehören. Für uns war die Pille notwendiges Mittel zum Zweck. Wir nahmen sie, weil es eben sein musste, litten unter den Nebenwirkungen, nahmen sie in Kauf, um eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern und waren elend froh, sie irgendwann nicht mehr nehmen zu müssen, als die Familienplanung begann. Die Pille als Verhütungsmittel gibt es seit 1961. Sie funktioniert über eine Kombination von Hormonen, die dem Körper vorgaukeln, bereits schwanger zu sein und dadurch nicht mehr schwanger werden zu können. Verwendet werden verschiedene Hormonkombinationen, die im Laufe der Zeit immer neu kombiniert und niedriger dosiert wurden, vor allem, um die Verträglichkeit zu steigern und Risiken zu minimieren. Denn wie alle potenten Arzneimittel hat die Pille auch unerwünschte Wirkungen.

Konkretes Risiko: Thrombose

Gefürchtet sind schlimmstenfalls neben emotional-seelischen Veränderungen wie depressive Verstimmungen, Depressionen und sogar Selbsttötungsgedanken auch Libidoverlust, Kopfschmerzen, Zwischenblutungen, Schmerzen in den Brüsten oder – weitaus weniger schlimm, aber immer noch belastend – Übelkeit. Konkretestes Risiko ist aber vor allem das Auftreten von sogenannten venösen Thromben. Das sind verschleppte Gerinnsel im Blut, die lebenswichtige Gefäße verstopfen und beispielsweise zu Lungen- oder Hirnembolien führen können. Eine lebensbedrohliche, mitunter tödliche und nicht zu unterschätzende Gefahr. Und genau dieses schlimmste Risiko lässt sich durch eine Dosisreduktion der Östrogen-Komponente und durch die Auswahl eines risikoarmen Gestagens vermindern.

Es ist so: Alle Pillen, die als Wirkstoff ein Östrogen und ein Gestagen enthalten, verhüten etwa gleich zuverlässig. Sie unterscheiden sich allerdings in ihrem Risiko, Blutgerinnsel und dadurch lebensbedrohliche Verschlüsse von Blutgefäßen auszulösen. Der Unterschied wird durch den jeweiligen Gestagen-Anteil verursacht. Bei „modernen Pillen“ der so genannten 3. und 4. Generation ist das Risiko für Thrombosen und Embolien im Schnitt doppelt so hoch wie bei Präparaten der 2. Generation mit einem verträglicheren Gestagen wie Levonorgestrel. Das ganze Generationen-Ding hat man eingeführt, weil man sich von neueren Pillen eigentlich eine Verbesserung erhofft hatte, aber nach Überprüfung der wissenschaftlichen Daten hat sich gezeigt, dass es bei allen Pillen der neuen Generationen zu höheren Risiken kam. Also sehen die neuen Pillen eigentlich ziemlich alt aus.

Neu ist nicht automatisch besser

Analysen von Verordnungsdaten beispielsweise der Techniker Krankenkasse zeigen, dass ab dem 17. Lebensjahr schon mehr als die Hälfte der jungen Frauen die Pille nimmt, mit 19 Jahren sind es schon über 80 Prozent – und zwar meist eine der neuen, also der 3. und 4. Generation. Bei diesen Präparaten, zum Beispiel solche mit dem Hormon Drospirenon, ist das Risiko für venöse Thromboembolien deutlich höher als bei den bewährten Pillen, in denen als Östrogenanteil Ethinylestradiol und als Gestagenanteil Levonorgestrel, Norgestimat oder Norethisteron kombiniert sind. Neu ist hier also nicht automatisch besser – im Gegenteil handelt es sich um einen der nicht seltenen Fälle in der Medizin, in dem altes Wissen und alte Mittel besser sind als angebliche Innovationen.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte rät deshalb schon seit 2013 von einer Erstverordnung einer „neuen Pille“ bei jungen Frauen ab und hat im März 2014 entschieden, dass in den Fachinformationen für Ärzt*innen und Apotheker*innen sowie in der Packungsbeilage für die Mehrzahl der Pillen der 3. und 4. Generation auf das größere, mitunter doppelt so hohe Thromboserisiko hingewiesen werden muss. Das wird seither auch getan, aber die gelebte Praxis zeigt sich in anderen Zahlen: Die neuen Pillen wurde lange Zeit trotz der Sicherheitsbedenken und ausdrücklichen Warnungen seit ihrem Markteintritt immer häufiger und immer früher verordnet. Im Dezember 2018 wurde übrigens bekannt, dass zu den kritischen Gestagenen auch das Dienogest gehört, das sich in der aktuell meistverordneten Pille „Maxim“ neben einem Östrogen befindet und über das die Herstellerfirma Jenapharm bisher immer behauptet hatte, es sei vom Risiko her mit dem Levonorgestrel in den Pillen der 2. Generation vergleichbar.

Tausende betroffene Frauen mehr

Die neuen Daten zeigen, dass diese Einordnung nicht stimmt, sondern auch Maxim zu den risikoreicheren Pillen gehört. Da aber allein in Deutschland etwa sechs bis sieben Millionen Frauen Jahr für Jahr die Pille nehmen, haben auch gering erscheinende Unterschiede in der Wahrscheinlichkeit von Blutgerinnseln und Lungenembolien erhebliche Folgen für die Häufigkeit in absoluten Zahlen. Hier geht es um Tausende betroffene Frauen mehr! Alle Statistik ist wertlos, wenn man diejenige ist, die die Embolie trifft. Sehr eindrücklich nachzulesen unter dem Schlagwort „Mythos Einzelfall“ in Selbsthilfe- und Aufklärungsforen der Geschädigten. In den USA wurden Hersteller bereits von mehr als 10.000 Betroffenen verklagt, die Nebenwirkungen wie Thrombosen, Lungenembolien und Schlaganfälle erlitten hatten.

Ein Gerichtsprozess mit einem klaren Urteil fehlt allerdings bisher. Die Firmen einigen sich außergerichtlich mit den Frauen, um ein Urteil zu vermeiden, auf das sich andere Frauen beziehen könnten. Auch in Deutschland wurde bereits dagegen geklagt, dass auf das erhöhte Thromboserisiko nicht oder nur unzureichend hingewiesen wird und dadurch eine lebensbedrohliche Embolie auftrat. Leider ist auch dieser Prozess bisher nicht entschieden. Auch hier wurde vom Gericht eine außergerichtliche Regelung empfohlen, die geschädigte Frau möchte aber endlich ein Urteil erreichen, um anderen Frauen Mut zu machen, gegen den starken Gegner Pharmaindustrie, in diesem Fall gegen die Firma Bayer, vorgehen zu können. Natürlich sind Beweise in jedem bedauerlichen Einzelfall zumeist schwierig, denn die Statistik zeigt nur Wahrscheinlichkeiten und nicht Kausalitäten.

 
 

Den gesamten Artikel lesen Sie in Séparée No.26.

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