Una G. hat einen Geschäftstermin

Vorurteile haben auch ihr Gutes. So erlebt man manchmal eine schöne Überraschung, so wie es Una G. bei ihrem letzten Geschäftstermin erging.

Text: Séparée

Der Geschäftstermin stand mir etwas bevor, die Beschäftigung mit Steuerthemen zählt nicht zu den Vorzügen, die ich an einer eigenen Firma besonders schätze. Steuern sind so unsagbar unsexy, ganz zu schweigen von den farblosen Männern, die sich damit befassen. Ich hätte den Herrn kaum erkannt, aber er war der einzige, der ganz allein vor einem Haufen Papiere an dem kleinen Cafétisch saß und mich erwartungsvoll anstrahlte. Wir gaben uns artig die Hand, er nahm meinen Mantel und kümmerte sich charmant um meine Bewirtung. Meist, wenn ich vor so einem Termin das Xing Foto gecheckt habe, habe ich die Person nur mit Mühe erkannt, weil die Fotos oft veraltet oder extrem vorteilhaft sind. Dieses Mal hätte ich den Mann beinahe nicht erkannt, weil er so unerwartet gut aussah, viel besser als auf seinem Profilbild. Das Gespräch entspann sich mühelos. Die Grenze zwischen geschäftlichen und privaten Themen verwischte sich beinahe ständig. Ich musste mich zusammenreißen, um ihn nicht versehentlich zu duzen. Normalerweise duze ich so ziemlich alle Leute, auch beruflich, zumindest die kreativen Köpfe. Natürlich nicht die Damen bei Bank und Finanzamt und auch nicht den älteren Herrn von der Druckerei und eben auch nicht die bodenständigen Herrschaften von der Steuerberatung. Trotzdem überlegte ich die ganze Zeit, ob ich ihm gleich das Du anbiete, und wenn ja wie und mit welcher Begründung. Nun ja, er hatte zum Beispiel genau die gleiche Augenfarbe wie ich. Am liebsten hätte ich diese schöne Erkenntnis gleich mit ihm geteilt. Aber wie klingt denn das: „Oh, Herr Dingsada (Name von der Redaktion geändert), sie haben ja die gleiche Augenfarbe wie ich.“ Das erinnerte mich an Loriots: „Gisela, ich liebe sie.“ Wir blieben beim züchtigen Sie, trotzdem kam ich mir eher vor wie bei einem Blind Date als bei einem Geschäftstermin. Bei einem Geschäftstermin habe ich selten das spontane Bedürfnis, die Hand meines Gegenübers auf dem Tisch zu ergreifen. Bei einem Blind Date zwar auch nicht zwangsläufig, aber man hätte es dort eher erwartet. Er hatte schöne Hände, ohne Ehering. Was mich allerdings irritierte, war die metallene Kette – ich weiß nicht, ob sie aus Gold war, die er um den Hals trug. Der oberste Knopf seines Hemdes stand leger offen, man sah den dezenten Ansatz von moderatem Brusthaar und dazwischen diese Kette, die so gar nicht zu der übrigen Erscheinung dieses Mannes passte. Ich konnte dem Impuls kaum widerstehen, hinzulangen, um den Schmuck, der mir Rätsel aufgab, genauer zu untersuchen. „Herr Dingsda, wären sie wohl so freundlich, noch einen Knopf ihres Hemdes zu öffnen? Ach, und wann geht eigentlich ihr Rückflug?“ Nach anderthalb Stunden ungezwungener Plauderei musste er los zum nächsten Termin, und danach zum Flughafen, auch wenn ich am Ende doch davon abgesehen hatte, das so präzise zu erfragen. Draußen vor dem Café trennten sich unsere Wege. Kurz zuckten meine Arme reflexartig, die ihn zum Abschied fast umarmt und meine Lippen, die seinen schönen, bestimmt sehr weichen Mund fast automatisch geküsst hätten. Wer hätte gedacht, dass Steuermeetings so aufregend sein können.

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