Unter Sexarbeit werden alle Formen sexueller Dienstleistungen verstanden, die mit Geld oder materiellen Gütern bezahlt werden. Was bringt eine Frau dazu, in diesem Gewerbe zu arbeiten? Zwang oder Empowerment? Luxusstreben oder Armut? Gewalt oder Freiheit? Sexarbeiter*innen so wie Dahlia sind Projektionsflächen für diverse Sehnsüchte und Ängste.

Sexarbeit ist Arbeit

Unter Sexarbeit werden alle Formen sexueller Dienstleistungen verstanden, die mit Geld oder materiellen Gütern bezahlt werden. Was bringt eine Frau dazu, in diesem Gewerbe zu arbeiten? Zwang oder Empowerment? Luxusstreben oder Armut? Gewalt oder Freiheit? Sexarbeiter*innen so wie Dahlia sind Projektionsflächen für diverse Sehnsüchte und Ängste.

Der Berliner Winter ist berüchtigt für sein unschönes Gesicht. Regen ergießt sich vom Himmel und trommelt auf Autodächer, asphaltierte Straßen und flüchtende Fußfänger. Der überall umherliegende Dreck weicht auf und wird von dicken Winterschuhen und schmatzenden Autoreifen zu einer gräulichen Substanz verarbeitet, die sich wie eine reichhaltige Gesichtscreme in jedem Winkel der Stadt verteilt. „Schnell rein ins Warme!“ – ein Gedanke, der wie ein kollektives Mantra durch die Köpfe eines jeden Einzelnen hallt. Eine zierliche junge Frau mit einem kleinen schwarzen Koffer geht die Ringbahnstraße entlang. Nachtschwarze Haare umhüllen ihr Gesicht, betonen die großen haselnussbraunen Augen und das aufgeweckte Funkeln darin. Die übergeworfenen Hüllen aus Schwarz und noch mehr Schwarz bringen ihre ohnehin blasse Haut zum Leuchten. Auch Dahlias Gedanken bleiben von dem Wunsch nach Wärme und Trockenheit nicht verschont. Ob Ed Sheeran an sie gedacht hat, als er seinen Song „The A Team“ geschrieben hat?

Dahlia ist eine von zahlreichen Sexarbeiter*innen in Deutschland. Als Performance-Künstlerin, Domina und Escort lebt sie ihre Leidenschaft für Kreativität aus. Während über zwei Millionen Deutsche jeden Morgen ins Büro fahren, führt ihr Weg sie in Proberäume, Hotels, auf Bühnen, oder wie heute, ins Dominastudio Lux in Berlin-Tempelhof. Seit 2019 arbeitet sie in diesem Studio. Bei dem Begriff „Sexarbeit“ denkt man zuallererst an Prostitution, dann an Zwang. Aber ist Zwang der so häufig unterstellte Antrieb? Mit Zwang hat das bei Dahlia nicht unmittelbar etwas zu tun. Sie ist nicht gezwungen in dieser Branche zu arbeiten. Den Zwang sieht sie woanders: „Natürlich bin ich gezwungen, Geld zu verdienen – wie die meisten Menschen. Sexarbeit ist für mich jedoch der beste Kompromiss. Das Schaffen eigener künstlerischer Werke wird finanziell kaum wertgeschätzt. Und die Gestaltung erotischer, zwischenmenschlicher Begegnungen fasziniert mich. Diese Dinge empfinde ich als sinngebend.“ Dahlia arbeitet als Selbstständige, darauf ist sie besonders stolz. Sie organisiert sich und die Gestaltung ihres Alltags, ohne einem Arbeitgeber unterstellt zu sein. Ihren Verdienst muss sie nicht mit dem Studio teilen, welches eher die Funktion eines Coworking-Space einnimmt. Bis auf die üblichen Abgaben an den Staat bleib der Umsatz bei ihr. Über die Website können interessierte Kunden den Kontakt direkt zu den Anbieter*innen aufnehmen. Die Kommunikation wird per Mail oder WhatsApp abgewickelt. Sie entscheiden, ob sie einen Kunden annehmen und auch wie viele. Vorab führt Dahlia ein kurzes Vorgespräch, um ein Gespür für ihr Gegenüber zu bekommen und Fantasien und Grenzen abzusprechen. Die einzelnen Sessions koordiniert sie nach ihrem Rhythmus. Kommt es zu einer Buchung, werden Datum und Uhrzeit miteinander vereinbart. Bezahlt wird immer unmittelbar vor einer Session in bar. Bargeldloses Bezahlen ist hingegen schwieriger: So hat das scheinbar unkomplizierte Bezahlsystem PayPal in den Nutzungsrichtlinien festgelegt, dass der Service nicht für Aktivitäten genutzt werden darf, die „[…] mit bestimmten sexuell orientierten Materialien oder Diensten […] zu tun haben.“ Zwar werden auch kriminelle Dienstleistungen von der Nutzung ausgeschlossen, doch sprechen wir hier von der natürlichsten Sache der Welt: Sex. Nicht von einer illegalen Aktivität. Der Bezahldienst diskriminiert somit ein gesamtes Berufsbild. „Traurig, oder?“, lacht Dahlia verbittert und schüttelt verständnislos den Kopf. „Die Gesellschaft muss es endlich verstehen. Wir verdienen unseren Lebensunterhalt auf diese Weise. Auch manche Kunden möchten nicht wahrhaben, dass wir ein Honorar erhalten und versuchen uns herunterzuhandeln, das geht gar nicht“, betont sie. Ein Beweis dafür, dass sich nicht nur die Gesellschaft mit der Anerkennung dieser Arbeit schwertut, sondern auch Kunden, die diesen Service selbst in Anspruch nehmen. „Welch Doppelmoral!“, seufzt Dahlia und hebt kritisch eine Augenbraue. „Sexarbeit ist ein Oberbergriff, eine politische Selbstbezeichnung.“ Unter Sexarbeit werden alle Formen sexueller Dienstleistungen verstanden, die mit Entgelt oder anderen materiellen Gütern bezahlt werden. Dahlia ergänzt: „Es gibt die Slogans ‚Sex Work is Work‘ und ‚Sex Workers against Work‘. Bei ersterem geht es um Arbeitsrechte für Sexarbeitende. Das ist sehr wichtig für unsere Sicherheit und existenzielle Lebensgrundlage. Bei letzterem geht es um eine Abkehr von der Lohnarbeit generell. Das ist mir auch sehr wichtig: Ich will hin zu einem selbstbestimmten, erfüllten Leben für alle, ohne die Perversion der Lohnarbeit. Jeder sollte das tun können, was er oder sie als sinnstiftend erlebt.“ Aber wie kommt man überhaupt dazu, als Domina zu arbeiten? Dahlia hat an der LMU München ihr Studium mit einem Magister in Theater- und Religionswissenschaften beendet und ist dann nach Berlin gezogen. Bereits während des Studiums hat sie begonnen, als Zeichen- und Aktmodell zu arbeiten. Noch heute steht sie professionell vor der Linse. Der innere Drang nach etwas Neuem, nach Kreativität und einem gewissen Kick zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben: „Mir hat schon damals die offene Atmosphäre gefallen, die bei einem Aktzeichenkurs entsteht, die nonverbale Kommunikation und Sinnlichkeit“, erzählt sie und hält im Gehen inne. Wer nun ein mit Glasfassaden und bunten Leuchtschildern bestücktes Ambiente vermutet, liegt falsch. Sie schließt eine unscheinbare blaugraue Tür auf. Routiniert durchquert die Berufsdomina den Raum, tritt erneut ins Freie, lässt weitere Türen und Flure hinter sich und bleibt vor einem kleinen, weißen Haus stehen. Ziemlich unspektakulär, man könnte fast ein wenig enttäuscht sein. Dahlia öffnet die Tür und nimmt auf direktem Weg die Treppe in das erste Obergeschoss. Hier treffen Vorurteile und Erwartungen mit voller Wucht auf die Realität: Mit hellem Holz verkleidete Wände und weiß gestrichene Decken wollen so gar nicht mit den kalten und düsteren Bildern im eigenen Kopf zusammenpassen. Keine Käfige, Lederschlaufen, Mundknebel, Peitschen oder merkwürdig geformte Sextoys, deren Anwendung nicht auf den ersten Blick deutlich wird. Noch nicht. Wohlig warme Temperaturen zerren neckisch an der Kleidung und verführen dazu, sich auszuziehen. Ein Regal mit BDSM-Masken aus Leder und Silikon in den unterschiedlichsten Aufmachungen begrüßen Eintretende am Treppenende. „Hier herrscht Kondompflicht“, verkündet ein kleines Schild. Ein Wandregal mit weißlackierten Schubladen beherbergt zahlreiches Equipment: Perücken, Vibratoren, Dildos, Dessous und Fesselspielzeug – ganz nach dem Motto „Es soll an nichts fehlen!“ Das Haus an sich ist bis auf Dahlia menschenleer. Die Corona-Pandemie hat auch hier ihre Spuren hinterlassen und die Türen zugeschlagen. Von März bis September hat sich das Lux im Lockdown befunden. Im September und Oktober durften die Türen wieder öffnen, doch ab November war dann alles wieder dicht. „Das ist eine schwere Zeit für uns“, erzählt Dahlia. „Zum Glück konnte ich Soforthilfe 2 beantragen.“ Einmalig bekam sie 5.000 Euro als Solo-Selbstständige im April 2020 vom Staat für Betriebsausgaben und Lebensunterhalt ausgezahlt. Zum Jahreswechsel beantragte sie die November- und Dezemberhilfen. Die finanzielle Situation bleibt jedoch weiterhin ungewiss. Für notleidende Kolleg*innen, die keinen Anspruch auf staatliche Hilfen haben, hat der BesD (Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen) einen Nothilfe-Fonds eingerichtet.

Mehr von ihrer Arbeit als Domina erzählt Dahlia in Séparée No.28.

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