Seide aus Bangkok

Glatte, geschmeidige, sinnliche Seide, die meine Haut aufblühen, meine Nerven vibrieren lässt und mir eine tiefe Zufriedenheit schenkt ...

Seide ist meine Leidenschaft. Glatt, kühl, ein einmaliges Gefühl auf meiner Haut. Ja, ich weiß, unpraktisch, weil ich alles von Hand waschen muss, aber diesen Preis bezahle ich gerne.

Nicht gerne bezahle ich den Preis für ein Seidenkleid in Europa. In Bangkok ist das anders. Schneider finden sich an jeder Ecke, Seide ist preiswert wie Baumwolle, die Geschwindigkeit, mit der gearbeitet wird, und die Akkuratesse sind bewundernswert. Deshalb plane ich so oft wie möglich einen Zwischenstopp in Bangkok.

Der Schneider, zu dem ich gewöhnlich gehe, ist mindestens siebzig, extrem höflich, sogar devot könnte man sagen, und er kennt meine Vorliebe für einfache Schnitte.

Als ich aus der Hitze der Straße in den winzigen kühlen Raum trete, atme ich tief durch. Die Gerüche der Stadt überwältigen mich immer wieder, so sehr, dass ich nach wenigen Minuten wünsche, nicht mehr diese Mischung aus Abgasen, menschlichen Ausdünstungen und orientalischen Gewürzen mit altem Fett riechen zu müssen. Hier, in diesem Raum, gibt es nur einen einzigen Geruch, den nach Zimt, der den eigentümlichen Seidengeruch überlagert.

Ich fingere längst die Stoffe, lasse mich von der Sinnlichkeit der Seide überwältigen, ehe ich Schritte hinter mir höre und gleich darauf eine leise Stimme, die mir zuerst auf Thailändisch, dann auf Englisch einen guten Morgen wünscht.

Als ich mich umdrehe, steht nicht der gebeugte alte Herr, sondern ein für thailändische Verhältnisse großgewachsener Mann von Mitte zwanzig vor mir. Seine dunklen Augen streicheln sanft mein Gesicht.

Was denke ich da? Wieso streicheln? Weil sie weich erscheinen, als wären sie aus Samt.

Ich lächle ihn an, begrüße ihn auf Art der Einheimischen und frage auf Englisch nach dem alten Herrn. Ein kurzer Moment der Trauer zeigt sich auf dem jungen Gesicht. Verstorben, vor einem halben Jahr, jetzt führt er, der Enkel, das Geschäft.

Was stört mich daran? Seine Jugend? Sein gutes Aussehen? Das Wissen, dass ich gleich in Unterwäsche vor ihm stehen werde, weil sich meine Maße verändert haben? Dennoch entscheide ich mich, zu bleiben. Ich will ein Kleid, und ich will es von ihm, sofern seine Künste nur annähernd so gut sind wie die seines Großvaters. Ich sage ihm das und er lächelt. „Yes, Miss. I am good, Miss.“

Er drapiert mir nacheinander Stoffe über die Schulter, seine Finger gleiten ganz nebenbei über meinen Körper. Am Rücken, wo er sie nach unten fallen lässt, an den unbedeckten Armen, um zu demonstrieren, wie lang die Ärmel werden sollen und zuletzt über meine Brust, weil er sie dort straffziehen muss. Ich entscheide mich für ein Smaragdgrün, das nach seiner Aussage meine Augen zum Leuchten bringt. Ob es wirklich der Stoff ist? Vielleicht eher seine Nähe, sein Geruch nach Holz und Zitrusfrüchten, seine feinfühligen Finger, die mich nicht bedrängen und mir doch so nah sind.

Wir einigen uns auf einen Schnitt, auf den Preis und auf die Zeit, die er benötigt. Zwei Tage. Sehr gut, das ist realistisch, ich kann morgen zu einer Anprobe kommen und übermorgen das fertige Stück abholen. Der Flug geht am Abend zurück nach Deutschland, also passt alles wunderbar.

Was noch besser passt, sind seine feinen Finger, die unversehens über meine Wange streifen. Ganz leicht, so leicht, als wären sie aus sehr dünner Pongeeseide. Ganz glatt, vermutlich von dem Seidenleim, der gut für die Haut sein soll. Ich schließe die Augen und genieße die Berührung, auch dann noch, als sie weiter nach unten gleitet, dort meinen seidenen Büstenhalter entfernt, meine Brüste streichelt und sich endlich, endlich in tiefere Regionen verirrt, in denen ich ebenfalls seidenweich bin, was er sehr zu genießen scheint. Beim Öffnen der Augen sehe ich in diese samtenen Tiefen, lasse mich berühren von seinem Blick, der so stark ist wie seine Hände, die mich umfassen, die mich halten, die mich führen.

Ein Traum aus Seide. Glatter, geschmeidiger, sinnlicher Seide, die meine Haut aufblühen, meine Nerven vibrieren lässt und mir eine tiefe Zufriedenheit schenkt.

Obwohl, war es wirklich die Seide?

Mehr von der Autorin unter https://margauxnavara.com/

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