Reif für FRAU BLUM

Alexandra Steinmann und Mascha Hülsewig haben ihre Leidenschaft für Erotik zum Beruf gemacht und die stilvolle Stuttgarter Erotik-Boutique „Frau Blum" gegründet. Ein Interview.

Alexandra Steinmann und Mascha Hülsewig sind alte Freundinnen, die in einer positiven Midlife-Crisis fanden: Da geht noch mehr im Leben. Wir haben mit den beiden über Sex, die Welt und natürlich ihre stilvolle Stuttgarter Erotik-Boutique „Frau Blum“ geplaudert.

 

Interview: Janina Gatzky / Ute Gliwa
Fotos: Hagen Schmitt, Frau Blum

Séparée: Wie seid ihr darauf gekommen, eine Erotik-Boutique aufzumachen?

Als wir beide Mitte 40 waren, kam der Wendepunkt in unserem Leben. Das war ein Moment, wo wir uns hinterfragt haben, ob alles gut ist, ob es noch einen Wunsch gibt, den wir uns erfüllen möchten. Eine Art Midlife-Crisis, im positiven Sinne. Bei ein paar Gläschen Rotwein im Garten haben wir einfach ins Blaue hinein fantasiert und festgestellt, dass die Erotik uns immer angetrieben hat, die Liebe und die Sexualität uns Lebenslust und Kraft gegeben haben. Und, dass wir in diesem Bereich schon unheimlich viel experimentiert und erfahren haben. Das war die Initialzündung. Dann haben wir begonnen zu recherchieren und weder im Netz noch vor allem in Stuttgart etwas gefunden, was auch nur annähernd unseren Vorstellungen entsprach. Also ein Wohlfühlort, in dem die Lust ihren angemessenen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft bekommt. Kurz, raus aus der Schmuddelecke! Das ist für uns das größte Paradox. Warum soll ausgerechnet die Energie, die unseren Fortbestand sichert, die uns Glücksgefühle bereitet, wie kaum etwas anderes und die uns gesund hält, mit so viel Moral, Tabus und Negativität behaftet sein?

Was habt ihr vorher gemacht?

Alex: Nachdem ich aus Griechenland zurückkam, habe ich mich in der Touristik etabliert, war über 20 Jahre selbstständige Shopleiterin eines großen Reiseunternehmens in der Stuttgarter Innenstadt und am Flughafen. Ich war also meine eigene Chefin, habe gut verdient, hatte aber auch viel Stress und wenig Zeit für mich. Ich hab mich nach mehr Lebensqualität gesehnt.

Mascha: Ich war 18 Jahre Pressesprecherin im Friedrichsbau Varieté Stuttgart. Eine schöne Arbeit, bei der ich mit so vielen ungewöhnlichen und kreativen Menschen zu tun hatte. Ich war damals alleinerziehend und das feste monatliche Gehalt gab mir Sicherheit. Als mein Sohn groß wurde, hatte ich den Impuls, nochmal etwas ganz anderes zu machen, nochmal etwas zu wagen.

Wenn man euch vor 15 Jahren gefragt hätte, was ihr 2019 beruflich so macht, was wäre eure Antwort gewesen?

Alex: Dass es einmal FRAU BLUM geben könnte, hätte ich mir vor 15 Jahren nie träumen lassen. Es gab auch keine äußerliche Notwendigkeit etwas zu ändern.

Mascha: Ich war damals so glücklich mit meinem Job im Varieté, dass ich mir sagte: Hier geh ich nie wieder weg! Haha, und dann kam es doch ganz anders!

Gab es schon Hinweise in eurem Leben, dass das mal ein beruflicher Weg werden könnte?

Alex: Es gab schon Anzeichen, weil mir die Themen Sexualität und Erotik schon immer wichtig waren. Aber Inhaberin eines „Sexshops“ kam in meinen Berufsbildern gar nicht vor! Ist auch lustig, wenn man sich ein Gespräch beim Arbeitsamt vorstellt: „Frau Steinmann, wir können Ihnen eine Umschulung in den Bereichen Sexualität und Verwendung von Lovetoys anbieten …“

Mascha: Es gibt ja Menschen, die schon als Kind genau wissen, was sie einmal werden wollen. Das war bei mir nie der Fall, ich habe einfach drauflosgelebt, mal besser und mal schlechter. Neben meinem Studium an der Kunstakademie in Rom zum Beispiel habe ich immer Kneipenjobs gemacht. Es gab mal einen Zeitpunkt, wo ich ernsthaft geglaubt habe, dass Kellnern das einzige sei, was ich so richtig gut konnte. Inzwischen gibt es noch andere Skills, die ich beherrsche …

Muss man erst die „mittlere Reife“ haben, um sich entspannt mit dem Thema (weibliche) Sexualität beschäftigen zu können?

Es liegt schon nahe, erst einmal die „mittlere Reife“ zu erlangen. Denn die Bedürfnisse ändern sich im Laufe eines Lebens. Wir sind erfahrener, wissen schon mehr über das, was wir mögen und was nicht. Der Genuss liegt dann vielleicht mehr im Vordergrund und die Erkenntnis, dass wir Anspruch auf mehr Kultur in unserer individuellen Sexualität haben. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt! Wir können uns weiterbilden und feststellen, dass wir in diesem Bereich nie auslernen. Hinzu kommt natürlich, dass eine neue Zweisamkeit entsteht, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Eine große Chance für die Partnerschaft, sich neu zu erfinden und einen erfüllten Weg gemeinsam zu beschreiten.

Es berührt uns aber auch immer sehr, wenn an unseren Abendveranstaltungen oder Erlebnisvorträgen junge Menschen da sind. Wenn sie schon früh anfangen, für sich zu sorgen, damit sie sich entfalten können. Das ist so wichtig für das ganz persönliche Glück und auch für ein respektvolles Miteinander in unserer Gesellschaft.

Wie habt ihr euch kennen gelernt und wann gemerkt, dass der Laden ein gemeinsamer Weg wird?

Wir sind seit unserer Kindheit befreundet. Wir waren auf der Waldorfschule und beide ein bisschen Außenseiterinnen. Alex hatte mit zehn Jahren den Spitznamen „Rockerin“, weil sie feuerrote Locken bis zum Po hatte. Das war damals so wild und unangepasst. Und Mascha war das Hippiekind mit einem Vater, der aussah wie ein Indianer und dem sie auf dem Schulhof lieber nicht begegnete. Wir fanden uns einfach toll! Als wir erwachsen wurden, hatten wir immer den Wunsch, ein gemeinsames Projekt zu machen. Das kam jedoch nie zustande, weil uns das Leben in verschiedene Richtungen gelenkt hat. Wir haben im Ausland gelebt, Familien gegründet und ein ganz „normales“ Leben geführt. Wir sind sehr unterschiedlich und passen gleichzeitig so gut zusammen, weil wir uns ergänzen. In den ersten Jahren von FRAU BLUM war uns im Eifer des Gefechts nicht so klar, dass das unser gemeinsamer Weg ist. Das sickerte erst später ins Bewusstsein.

Woher kommt eigentlich der Name „Frau Blum“?

Wir waren mitten in den Recherchen, haben uns ähnliche Shopkonzepte angeschaut, waren auf Messen unterwegs, als wir feststellten, dass das Kind ja einen Namen braucht! Als wir so ziemlich alle möglichen Titel auf französisch, spanisch und italienisch ausprobiert hatten, kam uns die Erkenntnis, dass ja niemand weiß, wie man das ausspricht, geschweige denn schreibt. Also bodenständig, einfach zu merken, nicht zu plakativ und schön sollte er sein und keinesfalls ein Fräulein. Was ist mit Frau Blum? Wir waren einer Meinung und nahmen‘s erstmal als Arbeitstitel. Frau Blum hat so gut zum Konzept gepasst, sich so schnell in unserem Sprachgebrauch etabliert, dass unsere Boutique ganz von selbst zu „Frau Blum“ wurde. Als ob sie es sich selbst ausgesucht hätte.

Wie hat euer Umfeld reagiert, dass ihr jetzt „in Erotik macht“?

Die meisten sind aus allen Wolken gefallen, fanden es total spannend oder lustig und in seltenen Fällen auch unmöglich. Von „Du ruinierst Dir Deinen guten Ruf“ über „nach spätestens einem Jahr macht Ihr wieder dicht“ bis hin zu „Ihr seid aber mutig“ haben wir alles gehört. Im Nachhinein wurde uns klar, dass die wenigsten wirklich überzeugt waren. Vielleicht auch weil der Ansatz einer Erotik-Boutique neu war. In den Köpfen waren nur die Bilder von den üblichen Sexshops, in die sich kaum jemand hineintraut. Das war uns egal, wir waren absolut überzeugt von unserer Idee!

Welche Hürden bzw. Hindernisse sind auf dem Weg euch begegnet?

Wir hätten früher aufmachen können, wenn die Suche nach einem Ladengeschäft einfacher gewesen wäre. Obwohl wir einen schicken Businessplan hatten mit schönen Bildern, Designobjekten, eigenem Logo und Presse, waren die Hausbesitzer skeptisch.

Eine weitere Hürde war das Internet. Da haben wir zwar unheimlich viele spannende Toys gefunden, in der Realität jedoch auch große Mängel bei Verarbeitung, Material oder Funktionalität festgestellt. Zum Glück haben wir uns die Mühe gemacht, die Produkte auf Messen oder direkt vor Ort anzuschauen. Der Schein trügt so oft gerade in dieser Branche.

Was daran kam überraschend?

Uns war nicht klar, dass gerade bei Sextoys so unglaublich viele Schadstoffe verarbeitet werden! Und es gibt absolut keine Kontrolle. Das Schlimme daran ist, dass sie über die Schleimhäute besonders gut in den Körper gelangen. Bei Kinderspielzeug ist das etwas anderes, sie sind TÜV-geprüft, da gibt es eine Lobby. Phthalate im Schnulli? Zurecht ein absolutes No-Go! Und das sollte auch bei Spielzeug für Erwachsene gelten. Es war eine Herausforderung in der Angebotsfülle die Hersteller und Manufakturen zu finden, die schadstofffrei fertigen.

 
 

Das gesamte Interview lesen Sie in Séparée No.24.

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