Mann, oh Mann

Die Figur geht aus dem Leim, der libidinöse Hunger lässt nach, der Blick schwirrt etwas orientierungslos zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sind das die Wechseljahres des Mannes?

Die Figur geht aus dem Leim, der libidinöse Hunger lässt nach, der Blick schwirrt etwas orientierungslos zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sind das die Wechseljahres des Mannes? Marc Ottiker gibt Einblick in das Seelenleben eines 50-Plusers.

Text: Marc Ottiker
Fotos: Volodymyr/stock.adobe.com

 

Er spült seine Haare aus. Danach die ungeliebte, aber notwendige kalte Schockbehandlung. Vorgeblich um wirklich wach zu werden, hintergründig jedoch, um sich danach an der vorübergehenden Straffung seines Skrotums zu erfreuen. Der Blick in den Spiegel wird dann vorerst von der matt beschlagenen Oberfläche verstellt. Langsam tauchen aber die Umrisse des Gegenübers auf und schließlich fällt dieser Blick – auf mich. Wer ist das, der mich da, noch tropfnass, anschaut?

Wechseljahre – körperliche Wandlung

Bei aller Vertrautheit ist die große Konstante dieses Gegenübers doch die Wandlung. Früher die Wachstumsschübe. Sprießender Haarwuchs allerorten. Mit der Konturierung der Gesichtszüge aus den kindlichen Rundungen heraus der endgültige Abschied vom Land des zögerlichen Unterganges. Dann Pflege eines leidlich guten Aussehens mit allerhand körperlichen Aktivitäten. Regelmäßige Besuche von Tanzveranstaltungen und damit einhergehend die Kultivierung von einigem Hedonismus. Später Gewichtsschwankungen mit abschließendem Einpendeln im oberen Mittel, das nun die Vorzeichen einer untersetzten Statur modelliert. Ergrauen, vor allem der Bartstoppeln, die jetzt gleich wegrasiert werden. Entwicklung eines zwischen Flucht und Verdoppelung noch unentschlossenen Kinns. Ganz allgemein ist mittlerweile das Einnisten einer gewissen Unvorteilhaftigkeit in allen Bereichen der Physis unübersehbar. Und das bei gleichbleibend klarem Blick, einer gewissermaßen alterslosen Schärfe der Betrachtung gerade des anderen Geschlechts.

Mit Schärfe ist hier sowohl die (wenigstens in die Ferne) noch vorhandene Sehkraft, als auch die gerade in dieser Ferne schweifende nach wie vor ungebrochene Verzückung über weibliche Rundungen, Formen, Körpersprachen gemeint. Und damit beginnen nun ganz und gar neuartige, noch ungewohnte Irritationen, die sich in Bruchteilen von Sekunden aufbauen, um dann – im schlimmsten Fall – umso zählebiger das gesamte Stimmungsbild um dieses Interesse herum einzutrüben. Angesichts der Zeitspanne, also über 50 Jahre, die mich zu dieser Morgendämmerung des Zerfalls geführt hat, stehen diese kaum noch messbaren Augenblicke und ihre Wirkung in einem geradezu monströsen Missverhältnis, vergleichbar in etwa mit der nicht begreifbaren Größe des Universums, welche den Heimatplaneten auf ein mit Leben behaftetes Sandkorn schrumpfen lässt.

Wirkung auf die Frauen

Es sind also Frauen, die von mir – immer öfter – augenblicklich irritiert sind, diese Irritation zuerst mit Verwunderung zur Kenntnis nehmen, sodann den Gesprächsmodus – schneller als das Licht reisen kann – von aufrichtiger Zuwendung bestenfalls in höfliches Desinteresse oder aber in routiniertes Ignorieren herunter fahren. Warum geschieht das? Was hat sich an meinem Verhalten geändert? Oder war es schon immer so und ich habe es nicht gemerkt? Die Wahrnehmung einfach vernebelt vom jugendlichen Vorrecht des Glaubens an die eigene Unwiderstehlichkeit?

Ich fürchte, dass es etwas mit meinem Verhalten zu tun haben muss, mit einigen Neuerungen, die sich aus meiner Unerfahrenheit in Sachen älter und alt werden ergeben. Denn wenn etwas noch jugendlich im Sinne von leichtsinnig und einfältig an mir sein sollte, dann ist es der Umgang mit den mittlerweile angesammelten Erinnerungen und der damit (vielleicht) erworbenen Lebenserfahrung.

Wichtiges Indiz für diese Annahme ist, dass die erwähnten Flucht- und Abstoßimpulse nicht nur bei jüngeren Frauen zu beobachten sind, sondern auch bei gleichaltrigen und auch älteren – wenn auch in einer etwas weniger ausgeprägten Regelmäßigkeit. Und das obwohl der Umgang, gerade was die Anbahnung von konkreten Intimitäten an geht, unter gleichaltrigen Gleichgesinnten seit einiger Zeit weniger kompliziert geworden ist. Womöglich führt die Erklärung und Vollendung der Unabhängigkeit des Sex von der Fortpflanzung zu einer neu entfachten Libertinage, wie sie zuletzt nur aus der Zeit vor den Planungen der mittlerweile in alle Winde zerstreuten Familien praktiziert wurde.

Während sich die Sprösslinge dieser Verbindungen in Universitätsstädten aufhalten oder sich durch Praktika hecheln – in den allermeisten Fällen also aus dem Gröbsten geschlüpft sind, um nun in die Grobheiten des Erwachsenendaseins einzutauchen – lassen die Vorsteherinnen dieser Gemeinschaften ihre prüfenden Blicke nun gerne wieder kreisen. Und das um vieles würdevoller als die seinerzeit für die Mutterschaft rekrutierten Männer, die sich nun, mehr oder weniger verzweifelt, jüngeren Frauen zu wenden, „um jetzt alles besser zu machen.

Es hat sich jedenfalls in der Damenwelt meiner Generation Lebenserfahrung angesammelt, die in erstaunlich vielen Fällen zu einem guten Humor geronnen ist, angesiedelt zwischen Sarkasmus und Derbheit. Diese Damen suchen jedoch die Aspiranten für kommende Abenteuer nur ungern in Kreisen gleichaltriger Herrschaften aus. Und so wird aus dem bohemistisch angehauchten Schwerenöter im vorgerückten Alter, der sich nicht in der Abhängigkeit zweier sich aneinander klammernder Ertrinkender verstricken möchte (diese Möglichkeit besteht immer), eine zusehends tragische Gestalt.

Den vollständigen Erfahrungsbericht des Autors lesen Sie in Séparée No.24.

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