Mit Sport zum Orgasmus

Der „Fahrradsattel-Orgasmus“ schrieb 2001 deutsche Komödien-Geschichte. In der legendären Szene aus dem Teeniefilm „Mädchen, Mädchen“ strampelt sich Diana Amft alias Inken auf ihrem Rennrad zum Orgasmus. Aber geht das wirklich? Und wenn ja, wie? Ann-Marlene Henning, M.A.-Sexologin mit eigener Praxis für Paar- und Sexualtherapie kennt die Antworten.

Interview: Cäcilia Fischer, Foto: BuyOutFelix05/peopleimages.com/stock.adobe.com

 

Ann-Marlene, wie würdest du den „Fahrradsattel-Orgasmus“ einem Laien erklären?

Erst einmal kann ich bestätigen, dass bestimmte Bauchmuskelübungen, Radfahren, Gewichtheben, Yoga und Joggen zu Erregung und Lustgefühlen führen können, ganz ohne direkte sexuelle Stimulation oder Fantasien. Beim Orgasmus auf dem Rad kann dagegen eine direkte Stimulation der Klitorisspitze und der Venuslippen zu orgasmusähnlichen Gefühlen führen, je nachdem, wie hoch die Klitoris-Perle sitzt. Das ist von Frau zu Frau verschieden. Kurz gesagt: Die Druckzellen am Genital bemerken den Druck des Sattels, verstärken ihn – und dann kann es zum Orgasmusreflex kommen.

Warum spricht man da auch von sogenannten Coregasmen?

Der Begriff lässt sich vom Muskelkomplex des Beckenbodens, dem Core, ableiten. Er hält und bewegt alles. Bei der Geburt, beim Lachen und Husten, bei jeder Bewegung, eigentlich immer. Die Klitoris, ein zu neunzig Prozent innenliegendes Organ, wird von ihm gehalten und ist mit ihm dadurch immer verbunden. Der Coreorgasm heißt übersetzt ja Kernorgasmus. Und der Kern im Körper ist der große Muskelkomplex des Beckenbodens. Ein Teil davon ist wie eine Schale geformt: Musculus Levator Ani. Das ist der Core, der „Halte-Apparat Beckenboden.

Der Beckenboden wird beim Sport, zum Beispiel beim Heben oder auf dem Laufrad, immer unbewusst mit benutzt. Wer diesen aber ganz bewusst anspannt, übt – ob gewollt oder nicht – Druck auf die Zellen am weiblichen Genital aus. Das kann den sogenannten sportinduzierten Orgasmus auslösen. Dabei ist das sogenannte Bulbo Clitoral Organ involviert. Das sitzt, wie erwähnt, nur zu zehn Prozent draußen – als Klitorisperle – und zu neunzig Prozent drinnen. Auch bei Männern wird beim Sport das Beckenareal und somit das Genital durchblutet. Die Klitoris ist aber empfindlicher als der Penis, deshalb gibt es sportinduzierte Orgasmen eher bei Frauen.

Worin gründet sich noch, dass die Klitoris empfindlicher ist als der Penis?

Die Klitoris hat an der Eichel etwa 11.000 Nervenzellen bzw. Neuronen, der Penis hat viel weniger, nämlich so um die 2.500 bis 4.000. Analog zum Penis füllt sich die Klitoris unter Erregung stark mit Blut an, sodass sie anschwillt und sich ihr Volumen vor allem im nicht nach außen sichtbaren Teil verdoppeln kann. Wenn weniger als 2,6 Zentimeter Abstand von der Klitorisspitze bis hin zum Vaginal-Eingang vorliegen, ist laut Studien die Stimulation höher. Dann ist es eine direkte Klitorisperlenstimulation.

Wie ein sportinduzierter Orgasmus funktioniert, lesen Sie in Séparée No.50

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