Text: Franziska Stawitz, Foto: Rawpixel.com/stock.adobe.com
Wenn Männer plötzlich Gefühle zeigen sollen und nicht wissen, wie es geht
„Männer haben Muskeln, Männer sind furchtbar stark, Männer können alles, Männer kriegen ’nen Herzinfarkt“ hat Herbert Grönemeyer vor 42 Jahren mit einem Augenzwinkern getextet. Aber wie steht es heute um den Mann? Wie finden sich Männer zurecht in einer Welt, in der Frauen fordern: Bitte leiste auch du deinen Anteil an der Beziehungsarbeit! Bitte sprich doch nur einmal aus, was du fühlst. Und bitte: Es ist auch dein Kind, heißt, du trägst bitte auch die Care-Arbeit zur Hälfte! Etliche Frauen schwören Beziehungen mit Männern mittlerweile gänzlich ab und propagieren Heterofatalismus. Für sie kommen Hetero-Beziehungen nicht mehr in die Tüte, sondern sie pflegen ihre Frauenfreundschaften, weil sie der Überzeugung sind, dass diese Verbindungen ihr Leben leichter machen als Beziehungen zum anderen Geschlecht.
Männer sind verunsichert. Alte Geschlechterrollen und das patriarchale Verständnis von Männlichkeit tragen nicht mehr, aber das Neue ist noch nicht da. Vielleicht gibt es hier und da schon eine Idee, aber der Kompass fehlt. Das beobachtet auch Kai Reichel. Er begleitet Männer, die auf der Suche nach ihrer authentischen Männlichkeit sind, die sich nach mehr Nähe in der Beziehung sehnen oder auch ein besserer Vater sein wollen. „Auf Frauenseite hat sich ganz viel getan, Frauen wollen gewisse Lasten nicht mehr allein schultern, gerade was die Beziehungsarbeit angeht. Sie möchten, dass sich auch Männer mit gewissen Themen auseinandersetzen“, erklärt der 45-Jährige, der selbst ein alternatives Beziehungskonzept lebt und zwischen Portugal, den Niederlanden und Deutschland pendelt. Vorbei sind die Zeiten, in der Ehen und Partnerschaften eine Zweckgemeinschaft waren. „Die wirtschaftliche Abhängigkeit in Beziehungen fällt heutzutage weg, es geht darum, Partnerschaft gemeinsam zu gestalten, und an dieser Stelle merken Männer, dass sie Defizite haben. Da haben Männer einfach einen großen Nachholbedarf.“ Viele seiner Klienten würden von ihren Frauen geschickt, aber etliche Männer finden auch allein den Weg zu Kai Reichel. „Da schlägt die Midlife Crisis auch voll rein, da merken viele Männer dann: Ich laufe die ganze Zeit einer Karotte hinterher, aber die schmeckt mir ja gar nicht. Auch diese Männer machen sich dann auf den Weg, um selbstbestimmt, souverän und authentisch zu leben.“
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