Hinter Schloss und Riegel

Wie das Tragen eines Keuschheitsgürtels die Männlichkeit verändert. Ein Erfahrungsbericht.

Keuschheitsgürtel – das klingt nach Mittelalter oder BDMS-Keller. Dabei kann der Verlust der Kontrolle über die eigene Sexualität ein Gewinn an Lust und Lebensenergie sein.

 

Text: Armand Peters
Fotos: ia_64/stock.adobe.com

Mein Name ist Frank (Name geändert}, ich bin 32 Jahre alt und trage einen Keuschheitsgürtel. Ich muss zugeben, es kommt mir komisch vor, das zu schreiben. Leicht absurd. Freakig. Wie irgendeine abgedrehte Mittelalter-Sexfantasie. Auf jeden Fall sehr unmännlich. Doch es ist wahr. Der Keuschheitsgürtel gehört tatsächlich zu meiner Lebensrealität. Und so merkwürdig es auch klingen mag: Der Keuschheitsgürtel hat mich sogar in meiner Männlichkeit gestärkt.

Aber von vorne: Das Tragen eines Keuschheitsgürtels bzw. Peniskäfigs ist als Sexfantasie in Deutschland deutlich weiter verbreitet, als man glauben mag. Man muss nur mal den Begriff googeln. Eine Vielzahl an Modellen wird da gezeigt: Keuschheitsgürtel aus Edelstahl, Silikon, Plastik oder Leder, Peniskäfige, Keuschheitshosen, Unterwäsche mit Fesseln, abschließbare Dessous.

An den Nutzerkommentaren erkennt man schnell: Das Ganze ist vor allem eine Männerfantasie. Irgendwie scheint es erstaunlich viele Jungs zu geben, die der Gedanke anmacht, ihre Sexualität von einer Frau kontrollieren zu lassen. Modelle für Frauen gibt es zwar auch, diese machen aber nur einen Bruchteil des Marktes aus. Seit etwa 15 Jahren verfolge ich die Entwicklung dieser erotischen Spielart bewusst. Aber wieso macht einen so etwas an? Warum sollte man freiwillig auf Sex verzichten?

Eine Antwort darauf zu finden, ist gar nicht so leicht. Ich glaube, es ist eine Mischung aus Treuebeweis für die Partnerin und dem Gefühl, die Partnerin so anzuhimmeln, dass man ihren Bedürfnissen alles unterordnet. Sogar die eigene Sexualität. Ich gebe zu, bei mir hängt die Neugierde am Thema Keuschheitsgürtel mit einer Präferenz für dominante Frauen zusammen. Schon in meiner frühesten Jugend habe ich mich gemerkt, dass mich Frauen anmachen, die sich mit ihrer Ausstrahlung durchsetzen können. Ob Mädels, die in Reitkleidung ihre Gerte fest in der Hand hielten, Frauen in High Heels oder eine junge Dame, der es gelingt, einen Mann mit einem kurzen Lächeln um den Finger zu wickeln.

Immer wieder habe ich von solchen Frauen fantasiert. Internetseiten besucht. Masturbiert. Das Ganze war für mich aber vor allem eins: eine Sexfantasie. In der Realität war ich dagegen mit ganz anderen Frauen zusammen: lieben, netten Mädchen, die darauf standen, dass ich sie im Bett dominierte. Denn so sehr die submissiven Fantasien auch in meinem Kopf herumspukten, so groß waren die Hemmungen, diese in der Realität auszuleben. Mein Wunsch Sklave zu sein, schlug im Bett häufig in einen zärtlichen Sadismus um. Die Frauen genossen es, sich von mir führen zu lassen. Und doch war mir dabei immer bewusst, dass etwas fehlte.

Als die ersten Peniskäfige im Internet auftauchten, habe ich sofort einen bestellt, jedoch nicht benutzt. Als meine Freundin das Spielzeug durch Zufall entdeckte, habe ich fast panisch abgelehnt. Auch als ich wieder Single war, konnte ich mich nicht dazu durchringen, meine Fantasie endlich auszuleben. Denn die Kontrolle über die eigene Sexualität abzugeben, bedeutet natürlich auch einen Verlust an Freiheit. Und ich liebe meine Freiheit. Auf Partys mit fremden Frauen rumzuknutschen, erotische Clubs zu besuchen, spontan wilde Sexfantasien auszuleben – ich habe das Leben immer gerne genossen.

Jahre zogen ins Land. Vielleicht war es ein Zeichen innerer Reife, dass ich die 30 überschreiten musste, um endlich zu meinen Fantasien zu stehen. Plötzlich war der Wunsch, meine Fantasien auszuleben, ganz klar mit dem Traum gepaart, die eine Frau zu finden. Die eine, mit der ich eine Zukunft aufbauen kann und mit der ich für den Rest meines Lebens zusammen sein will. Schließlich habe ich diese Frau kennen gelernt, bei der es passte. Trotzdem war es merkwürdig, eine lang gehegte Fantasie plötzlich in die Realität umzusetzen.

Mittlerweile ist das Ganze längst keine reine Sexfantasie mehr. Es fängt damit an, dass das Tragen eines Keuschheitsgürtels ziemlich schmerzhaft sein kann, weil Erektionen damit unterdrückt werden. Ohne inneren Willen funktioniert da gar nichts. Es baut sich eine starke emotionale Nähe zur Partnerin auf, die diese Fantasie mit mir auslebt. Mit dieser neuen emotionalen Erfahrung muss man erst einmal umgehen. Außerdem spielen gesundheitliche Aspekte eine Rolle: Natürlich darf man es mit dem Tragen nicht übertreiben, denn die Gesundheit geht immer vor. Im schlimmsten Fall erhöht das Verzichten auf regelmäßige Ejakulationen das Risiko von Prostatakrebs. Und auch die Hygiene beim Tagen eines solchen Spielzeugs sollte man immer im Auge behalten. Wir versuchen verantwortungsvoll mit diesen Gefahren umzugehen. Es kann aber durchaus mal vorkommen, dass ich den Keuschheitsgürtel eine ganze Woche ohne Unterbrechungen trage.

In der Praxis sieht es so aus, dass wir den Gürtel mit kleinen Plomben kontrollieren. Das sind winzige nummerierte Schlösser, die man ohne Probleme jederzeit aufbekommen kann, allerdings sieht man dann, dass das Tragen des Gürtels nicht eingehalten wurde. Einerseits ist so garantiert, dass ich mich zur Not jederzeit aus dem Spielzeug befreien kann. Andererseits ist das dauerhafte Tragen des Keuschheitsgürtels so auch immer eine Willensübung. Ich weiß, dass ich das Spiel jederzeit beenden könnte. Aber mein Wunsch, mich emotional an eine einzige Frau zu binden, macht mich stark genug, auch Schmerzen auszuhalten und das Tragen über viele Tage durchzustehen.

Im Alltag ist der Keuschheitsgürtel dagegen kaum präsent. Ich kann ihn ohne Probleme im Büro unter der Kleidung tragen oder auch beim Sport, und niemandem fällt etwas auf. Ich selber denke meistens gar nicht mehr daran, dass ich auf eine spezielle Art in den Fängen meiner Partnerin „gefangen“ bin.

Ein Effekt des Keuschheitsgürtels hat mich, obwohl ich so lange darüber fantasiert hatte, tatsächlich überrascht. Es klingt fast wie ein kitschiges Klischee: Mit dem Tragen des Gürtels änderte sich plötzlich mein Verhalten. Bin ich früher, wenn mir langweilig war, schnell vor dem Fernseher oder auf pornografischen Webseiten gelandet, stiftet mich der Gürtel nun quasi permanent zu Aktivitäten an. Ich bekomme plötzlich Spaß an Aufgaben, die ich vorher immer herausgeschoben habe: Ich mache den Abwasch, putze das Badezimmer. Einfach so. Früher war ich es gewohnt, mindestens einmal am Tag einen Orgasmus zu haben. Nun muss ich irgendwo hin mit der überschüssigen Energie. So kommt es, dass ich automatisch fast jeden Tag Sport mache, einschließlich Liegestützen vor dem Schlafengehen. Habe ich es vorher auf gerade mal 20 Liegestütze am Stück geschafft, habe ich mein Pensum innerhalb weniger Wochen auf über 60 gesteigert.

Auch mein Blick auf die Sexualität änderte sich. Die Lust am Sex geht nicht zurück, wenn man dem Drang nicht ständig nachgibt. Im Gegenteil, ich spüre förmlich, wie sich durch die Spielart Keuschheit Testosteron in meinem Körper aufbaut. Meine Gesichtszüge werden gefühlt männlicher, der Wunsch zu siegen und mich im Leben durchzusetzen größer. Dabei ist der Fokus ein anderer geworden. Zusammengefasst: Früher habe ich den Frauen auf den Hintern gestarrt, jetzt schaue ich ihnen ins Gesicht. Nach ein paar Tagen ohne Orgasmus kann ich kaum durch die Stadt gehen, ohne instinktiv jede Frau wahrzunehmen, die mir über den Weg läuft. Mein Sextrieb ist mit den Händen greifbar. Doch dieser Trieb ist jetzt fokussierter. Ich möchte weniger meine Lust befriedigen, sondern vielmehr erobern. Und dann denke ich an die Frau, die meinen Keuschheitsgürtel kontrolliert und spüre den starken Wunsch, sie glücklich zu machen.

 
 

Den vollständigen Erfahrungsbericht lesen Sie in Séparée No.24.

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