Die Versuchung des Priesters

Ein Gedicht über die verborgenen Wonnen der Missionierung. von Dorina Petrescu

Kaum ist das Schiff gestrandet,

steigt schon der Priester aus

und zieht mit seinen Bibeln

geschwind von Haus zu Haus.

 

Und alle, die sich taufen

(en masse geht das recht fix),

bekommen für die Küche

ein kleines Kruzifix.

 

Da kommt der fromme Priester

an einem Haus vorbei:

Die Tür steht etwas offen,

es krächzt ein Papagei …

 

Darin sitzt eine Schönheit,

so braun wie Adams Kain,

die dreht sich Hühnerknochen

wie Lockenwickler ein.

 

Sie trägt ein Lendenschürzchen,

doch ihre Brust ist frei,

und singt ganz in Gedanken

die schönste Melodei.

 

Dem Priester an der Türe,

dem wird bei solch Gesang

der Feinripp recht bedrückend

und um die Seele bang.

 

„Ach geh, bedeck disch libber!“,

platzt es aus ihm heraus.

Sie aber kann kein Sächsisch

und zieht sich gänzlich aus.

 

Sie schmiegt sich an den Priester,

sieht sanft zu ihm herauf

und knöpft dann dem Verwirrten

die schwarze Kutte auf.

 

Danach fühlt sich der Priester

wie frisch vitalisiert –

und wundert sich, warum er

nicht öfters missioniert.

 

Er schenkt der schwarzen Schönen

sein Messbuch für dies Glück

und geht, noch ganz benommen,

zum Segelschiff zurück.

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