Text: Dr. Stefanie Graul, Foto: volodymyr/stock.adobe.com
Vor einigen Tagen habe ich American Gigolo gesehen. Ein Film von Paul Schrader, gedreht 1980, mit einem umwerfend jungen Richard Gere in der Rolle des männlichen Escort Julian Kaye. Seine Freierinnen: etwas ältere Damen der Oberschicht. Ich hatte den Film vor allem aus nostalgischen Gründen ausgewählt: wegen des Lebensgefühls, des Stils, der analogen Farben.
Was ich am wenigsten von diesem Film erwartet hätte, wirklich am allerwenigsten, ist zärtlicher Sex. Gere, der zumindest am Anfang konsequent als materialistisch, dezidiert narzisstisch dargestellt wird, ist zu den Frauen unglaublich nett. Nicht nur auf professioneller Ebene, sondern als Mensch. Man hat den Eindruck, dass er seine Kundinnen wirklich mag, ihnen gern Lust bereitet, und liebevoll, ja geradezu achtsam mit ihnen umgeht.
Nach dem Film blieb ich erstaunt zurück mit dem Gefühl: Das war also zu dieser Zeit das sexuelle Allgemeinverständnis und holla, was hat sich seither verändert. All die gewaltsamen, hierarchischen erotischen Szenen im US-amerikanischen Mainstream der Folgezeit, wie in Neuneinhalb Wochen oder Basic Instinct. Szenen, in denen meist unklar bleibt, ob die Frau das will, was mit ihr gemacht wird oder ob sie darunter leidet. Später die globale Ad-hoc-Zugänglichkeit von Pornografie, dann der konsequent-geniale Switch zum Gonzo Porn John Staglianos mit dem Ur-Star Rocco Siffredi als Doppelpenetrator – gleichzeitig mit Kamera und Genital, wodurch das Publikum den Eindruck erhält, nicht nur selbst am Akt beteiligt zu sein, sondern ihn selbst auszuführen. Ziemlich clever. Daraus resultierend die Pornifizierung unserer Ästhetik und unseres sexuellen Selbstverständnisses: die radikale Verschiebung der Grenzen dessen, was als gewaltsam wahrgenommen wird. Paul B. Preciado, der Trans-Philosoph, hat recht: Porn durchdringt uns alle – da gibt es kein Außerhalb. Da hängen wir alle drin, ob wir wollen oder nicht. Auch wenn wir nicht selbst Pornos konsumieren.
Ist es demnach so, dass Blümchen-, Kuschel- oder Vanillasex (interessant, die abwertende Konnotation) in den 1980ern der übliche Sex war und alles andere, der harte, bizarre Sex, der inzwischen salonfähig geworden ist, eine Abweichung? Dass also das, was heute in den Schlafzimmern und anderswo praktiziert wird, vor 30 bis 40 Jahren als „pervers“ galt?
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