Gelegenheit macht Diebe

„Was machen wir jetzt damit?“, richte ich meine Frage an ihn, erhalte aber keine Antwort. Jetzt kann ich unter Beweis stellen, dass ich eine Musterschülerin bin und meine Lektion gelernt habe. Ich schwenke den Stringtanga und werfe ihn ihm auf den Schreibtisch.

Text: Birgit Faschinger-Reitsam / Foto: Erika Lust Films

Gelegenheit macht Diebe

Es ist verdammt kalt draußen, also drücke ich gegen die schwere Glastüre und stehe in diesem Kaufhaus. Vielleicht gibt es ein Café, in dem ich mir die Zeit vertreiben kann, bis in zwei Stunden mein Zug fährt. Ich steuere auf die Rolltreppen zu. Wenig Kundschaft. Schlecht gekleidetes Personal. Ein knackiger Hintern, der einzige Lichtblick.
Ich greife nach Männerunterhosen und tue gar nicht erst so, als ob sie mich interessierten. Aber mit etwas in der Hand fällt es mir leichter, diese Rückenansicht zu betrachten. Der stramme Po in einer Hose „aus gutem Tuch“, würde meine Mutter sagen, und auch das Hemd wirkt ansprechend. Vielleicht der Filialleiter? Er hebt sich angenehm ab vom übrigen Personal.
Früher, während meiner Schulzeit, habe ich das öfter getan, während ich auf den Bus wartete: Mal einen Lippenstift mitgehen lassen, im Drogerieshop eine Lesebrille klauen, die ich gar nicht brauchte. Ob ich noch in Übung bin? Meine Finger wählen zwischen all dem Feinripp einen Stringtanga. Gekonnt entferne ich das Etikett, schmuggle das Teil in meine Designerhandtasche und gehe auf das Objekt meiner Beobachtung zu.
Ich fühle, wie sich die feinen Härchen an meinem Unterarm aufstellen, wie ich schwer schlucke, wie ich es tue, wenn ich erregt bin. Ich lenke meine Schritte an der Kasse vorbei.
„Einen Moment bitte“, höre ich, „dürfte ich mal einen Blick in Ihre Handtasche werfen?“

„Wenn Sie mir bitte folgen möchten“. Er geht in Richtung der Umkleiden und bleibt vor dem Aufzug stehen. Betretenes Schweigen, bis sich die Lifttür öffnet und er den Knopf für das sechste Stockwerk drückt. Dort ist also auch das Café, in dem ich eigentlich auf meinen Zug warten wollte. Der Filialleiter ist kleiner als ich. Seinen Blick wendet er zu Boden. Ich sauge den Duft seines Parfums ein. Wir sprechen kein Wort.
Aus der Handtasche ziehe ich ein Päckchen Kaugummis, wickele in aller Ruhe einen aus und schiebe ihn mir langsam in den Mund. Ich weiß, dass er mich aus den Augenwinkeln beobachtet. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Kauen die Denkleistung erhöht und schon kommen mir mögliche Optionen in den Sinn. „Jeder hat seinen Preis“, war einer der Sätze, die mein Vater häufig zum Besten gab. Mit Geld ist alles möglich. Zugegeben, das wäre eine Möglichkeit, aber sie lässt mich kalt. Als sich die Lifttür im 6. Stockwerk öffnet, kommt mir eine, sagen wir mal, elegantere Lösung in den Sinn.

„Nehmen Sie Platz“, sagt er, nachdem er die Tür zu seinem Büro aufgesperrt hatte. Sein Lid zuckt fast unmerklich. Niedlich denke ich. Statt mich auf den Stuhl zu setzen, lege ich meinen Mantel über die Lehne, bleibe stehen und sehe ihn an. Immer noch Kaugummi kauend. Als Beraterin für Regierungsbeauftragte im Auswärtigen Amt gehört Deeskalieren zum Handwerkszeug, vor allem aber werde ich fortlaufend darin geschult, unangenehme Dinge in Ordnung zu bringen. Wenn es sein muss, auch mit ungewöhnlichen Methoden.

„Jeder Diebstahl“, beginnt er beherzt, aber bereits bei „wird zur Anzeige gebracht“ wird seine Stimme brüchig. Er schluckt. „Darüber hinaus …“, will er fortfahren und mir wahrscheinlich eine Geldstrafe in Aussicht stellen, doch er spricht nicht weiter.
In einem Rhetoriklehrgang „Souveräne Dominanz“ habe ich gelernt, meine Aufmerksamkeit vollkommen auf mein Gegenüber auszurichten. Dompteure machen das. Oder Hundetrainer. Vor allem aber gutbezahlte Dominas. Die Stimm- und Sprechtrainerin, von der ich dies lernte, musste es wissen, schließlich hatte sie mehrere Jahre als Bizarrlady gearbeitet.
Mit einem Lob kann man erreichen, dass sich der Gesprächspartner entspannt. „Sie machen Ihre Arbeit wirklich gut“, ist der erste Satz, den ich mit ihm wechsle. Und tatsächlich werden seine Gesichtszüge merklich weicher. „Entspannen Sie sich, alles ist gut“, setze ich nach, und seine Schultern senken sich deutlich.
Immer noch richte ich meine Energie laserstrahlartig auf ihn und langsam, sehr langsam, öffne ich meine Handtasche. Er atmete schwer und auch ich genieße einen tiefen Atemzug, bis ich nach einer gefühlten Ewigkeit schließlich das Corpus Delicti zwischen meinen Fingern halte.
„Was machen wir jetzt damit?“, richte ich meine Frage an ihn, erhalte aber keine Antwort.
Jetzt kann ich unter Beweis stellen, dass ich eine Musterschülerin bin und meine Lektion gelernt habe. Ich schwenke den Stringtanga und werfe ihn ihm auf den Schreibtisch.
„Zieh ihn an!“,wechsele ich zum Du.
Der Filialleiter greift tatsächlich nach dem Teil und schaut mich, leicht verunsichert, doch voller Erwartung an.
„Subito! Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“
Wie in Trance öffnet er den Gürtel seiner Hose und zieht sie aus.
„Weiter!“ Er darf nicht anfangen, die Situation zu hinterfragen. „Du hast einen sportlichen Körper.“ Noch ein Kompliment. Dies beschleunigt die Angelegenheit und er tauscht seine Unterhose gegen den Stringtanga. Während er auch sein Hemd auszieht, suche ich mit meinen Augen sein Büro ab. Eine Rolle Paketschnur. Nicht optimal, aber besser als nichts.
„Lass die Socken an.“ Nicht dass mich Socken bei ansonst fast nackten Männern anturnen, aber mein gesunder Menschenverstand meldet sich. Gerne lasse ich mich von meiner Lust leiten, doch ist mir bewusst, dass eine unbedacht eingesetzte Paketschnur unnötige Schmerzen verursachen und Gelenke einschnüren kann, vor allem aber noch nach Stunden auf der Haut zu sehen ist.
„Ich werde deine Hände hinter deinem Rücken fesseln.“
Während ich ihm die Paketschnur zeige, frage ich ihn: „Gefällt dir das?“
Als Antwort ernte ich ein stummes Nicken, begleitet von einem tiefen Atemzug.
„Antworte mir!“, fordere ich ihn auf und erhalte ein ungewohnt bestimmtes „Ja“.
Seine Hände hinter dem Rücken zu binden, die Schnur dann um seine Fußknöchel zu wickeln, ist ein leichtes Spiel. Ich lasse mich vom Seil leiten. Und von seiner Reaktion. Wieder nehme ich den angenehmen Geruch seines Parfums wahr, diesmal vermengt mit dem ganz eigenen Duft seines erregten Körpers. Wenn du nicht weiterweißt, sprich aus, was du wahrnimmst, weiß ich noch von der Schulung.

„Auf deinem Nacken bilden sich Schweißperlen“. Ein Kompliment, eine Kritik oder eine peinliche Frage muss landen, erinnere ich mich und setze nach: „Du siehst zufrieden aus.“ Eine Spur zu zufrieden, denke ich, und mir kommt eine Idee … „Ich verlasse jetzt den Raum. Dann werde ich mir einen Kaffee bestellen, denn deshalb bin ich eigentlich hier. Währenddessen hast du Zeit, zu bereuen, mich von meinem Kaffeegenuss abgehalten zu haben.“
Von der Bizarrlady weiß ich, dass Ignorieren besonders schmerzhaft sein kann und es Geschick braucht, damit die Energie sich nicht ins Gegenteil kehrt. Mit einer Mischung aus Ungläubigkeit, Lust und Begierde sieht er mir nach, als ich meine Tasche nehme und den Raum verlasse.

Während ich in aller Ruhe meinen doppelten Espresso genieße, feiere ich meinen dominanten Einstand. Ich spüre eine ungeahnte Präsenz. Kaffee habe ich noch nie so intensiv erlebt. Jedes Nippen löste eine Wonnewelle aus. Und obwohl uns gefühlt 30 Meter trennen, bin ich mit ihm verbunden. Ich sehe ihn, spüre seine Energie, genieße sein körperliches Erleben …
„Was machen Sie hier?“, höre ich eine Stimme hinter mir, als ich knapp zehn Minuten später die Türklinke in der Hand habe. „Ach“, rutscht es mir heraus, „ich könnte ihnen jetzt erzählen, dass Ihr Chef geknebelt und gefesselt im Büro darauf wartet, dass ich in aller Ruhe meinen Kaffee trinke und endlich zurückkomme, um ihn zu befreien.“
Ein „Ist ja schon gut“, das ich zur Antwort bekomme, höre ich nur noch durch die Tür, die ich hinter mir schließe.
Während ich den Filialleiter aus seinem selig entrückten Zustand hole und von seinen Fesseln befreie und er Tanga gegen Boxershorts tauscht, ziehe ich die restlichen zwei Kaugummis aus meiner Tasche. „Kauen ist gut, um klare Gedanken zu fassen“. Den dankbaren Ausdruck in seinen Augen für dieses unerwartete Geschenk werde ich so schnell nicht mehr vergessen.
Während ich meinen Mantel anziehe, meint er zufrieden grinsend: „Wenn Sie mal wieder in der Nähe sind, meine Tür steht immer offen für Sie.“

 

Birgit Faschinger-Reitsam ist Autorin mehrerer Bücher für Frauen, wie „Das Leben schmecken“, „Mit Vergnügen“ und des SCHUHRAKEL-Kartensets und bietet EROTISCHE SCHREIBSALONS an. Mehr über das, was Frauen bewegt, finden Sie auf ihrem Blog:  www. birgit-faschinger-reitsam.de

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