Sexpositivität

In den letzten Jahrzehnten hat sich viel getan in puncto sexuelle Offenheit. Aber was bedeutet das, wenn man sie wirklich lebt? Die Sexualtherapeutin Stefanie Graul hat sich auf das Experiment eingelassen.

Text: Stefanie Graul, Foto: AustrianImages.com/stock.adobe.com

 

Wieviel Offenheit halten wir aus?

Nach einigen Jahren des Nachdenkens – soll ich, soll ich nicht? – habe ich, selbstverständlich nur um mein Beratungsrepertoire zu vergrößern und mich zu informieren, ein sexpositives Festival in der Nähe von Prag besucht. Schließlich muss ich ja wissen, was bei den jungen Leuten, alias meinem Klientel, so los ist. Und zudem frage ich mich oft, was da dran ist an der bunten Verheißung der Sexpositivität nach dem angeblich bis dato farblosen Bettgemenge des Blümchensex.

Sexpositivität ist nach KI eine „Haltung der Offenheit und Akzeptanz gegenüber vielfältiger Sexualität, die von der Förderung der sexuellen Selbstbestimmung und der Ablehnung von Stigmatisierung geprägt ist.“ Auch der namhafte Sexualwissenschaftler Gunter Schmid konstatiert schon seit Mitte der 90er Jahre das Verschwinden einer Sexualmoral, also der Vorstellung von guten versus verwerflichen Praktiken, zugunsten von Verhandlung: Wenn beide, bzw. alle Partner eine Praktik mögen, ist sie ok, auch wenn sie möglicherweise gewaltsam und schmerzhaft ist. Bei bleibenden Auswirkungen durch konsensuelle Praktiken scheiden sich dann die Geister und wenn es um Aufessen eines Beteiligten geht, schiebt die Rechtssprechung der Konsensualität dann doch den Riegel vor. Man denke an den Aufsehen erregenden Cannibalismus-Fall von Rotenburg.

Aber zurück: Dank Sexpositivität ist viel passiert in den letzten Jahrzehnten, insbesondere für Frauen und marginalisierte Minderheiten: Mit der Forschung von Alfred Kinsey sowie Johnson und Masters wird in den 1960er Jahren bekannt, dass auch Frauen regelmäßig einen Orgasmus haben können. Die Liebhaber werden entsprechend versierter. #MeToo deckt in den 1990ern missbräuchliche Machtstrukturen in heteronormen Geschlechtsbeziehungen auf, wodurch neben einem strengeren Reglement ein neues Bewusstsein für die weibliche Lust unabhängig von male gaze and power entsteht. Die Schwulenbewegung nimmt Fahrt auf, LGBTI+-Gruppierungen bilden sich. Tatsächlich war Diversität bis vor kurzem auch in der Businesswelt ein Muss. War. Sehen wir mal, wo wir nach Abdankung unseres neuen großen Bruders aka Donald Trump alle gelandet sein werden.

Sexpositivität heißt auch: die klassische Paarsexualität wurde seit den 1990ern abgelöst durch eine Vielzahl neuer Erregungsformen. Volkmar Sigusch, der 2023 verstorbene Pionier der deutschen Sexualmedizin, nennt das die neosexuelle Revolution: Hier wird ein großes Maß der Befriedigung auch ohne (festen) Partner bezogen. Beispielsweise über Materialvorlieben oder Sololove mit und ohne Pornographie, Raves, Camsex, Playpartys etc.

Wie es Stefanie Graul schließlich auf dem Festival of Sensuality ergangen ist, lesen Sie in Séparée No.49.

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