Tempel der Sinne

Michaela Reifeland berichtet, wie es ihrem Mann und ihr bei ihrer ersten Tempelnacht ergangen ist.

Text: Michaela Reifeland, Foto: Jarla-Finela Wolf

 

Berlin Kreuzberg, zweiter Hinterhof, oberste Etage. Es ist Zeit für unser neues Beziehungsabenteuer. Jarla und Max schreiben in ihrer Einführung zu den Tempelnächten sinngemäß, dass es Veranstaltungen in einem geschützten und wertschätzenden Rahmen sein sollen, in dem jede Person sich selbst und seine Mitmenschen mit allen Sinnen erleben und neu entdecken, die eigenen Grenzen spüren und spielerisch vielleicht sogar ein wenig erweitern kann. Wie sexuell diese sinnlichen Momente und Erfahrungen am Ende tatsächlich werden, liegt bei jedem einzelnen selbst. Wir sind gespannt.

Mein Mann und ich sind schon relativ spät dran, wir haben auf dem Weg erst noch Powerbällchen fürs Buffet der Tempelnacht besorgt. Im Umkleideraum liegen schon überall Häufchen mit Rucksäcken und Klamotten und fast alle Fächer sind schon belegt. Erst hier vor Ort entscheide ich mich für das Outfits des Abends, derer ich mehrere in der Tasche habe. Es scheint, dass alle hier eher bequeme Hippie-Klamotten tragen, keiner ist a la KitKat Club aufgebrezelt. Es wird also ein figurumschmeichelndes aber gemütliches kurzes Wickelkleid. Mein Mann trägt nur einen Sarong um die Hüften. Wir stellen unsere Powerbällchen auf das Buffet im Vorraum und gesellen uns zu allen anderen in den großen Hauptraum, in dem Matten zu verschiedenen Inseln gruppiert sind. In der Mitte des Raumes liegen auf Tüchern die Utensilien, die während des Abends benutzt werden können. Zum Streicheln gibt es Federn, zum Massieren Öl, für härtere Zärtlichkeiten Nadelräder und Schlagwerkzeuge. Es gibt Augenbinden, Fesseln, Kondome und jede Menge Sexspielzeuge aller Art.

Zu Beginn laden die Veranstalter Jarla und Maximilian Wolf, ein attraktives Paar in ihren Dreißigern, alle Teilnehmenden ein, sich in einen großen Kreis zu setzen. Es sind in etwa 40 Personen, altersmäßig ist von Anfang Zwanzig bis Ende Fünfzig alles dabei. Wir sind erleichtert, dass wir nicht die einzigen graumelierten Menschen im Raum sind. Auch gendertechnisch scheint die Gruppe gut gemischt. Ich stelle außerdem fest, dass entgegen meiner Erwartung, dass hauptsächlich Paare hier sein würden, die meisten ohne Partner gekommen sind.

Jarla und Maximilian verkünden zunächst den Ablauf der Veranstaltung, die insgesamt etwa fünf Stunden dauern soll. Es soll mehrere Übungsrunden mit dazwischenliegender Pause geben und anschließend einen freien Spielteil. Über zwei der Matteninseln hängen wie ein Dach Tücher, das werden nachher beim freien Spiel die Zonen für Privatsphäre sein. Wer sich dorthin begibt, signalisiert, dass er mit seinem Partner oder seiner Gruppe ungestört bleiben möchte. Auf der großen zentralen Matteninsel dagegen kann auf freundliche Anfrage hin miteinander interagiert werden.

Alle Übungen sind lediglich als Einladung zu verstehen, betonen die beiden immer wieder. Niemand soll irgendetwas tun, womit sie oder er sich nicht wohlfühlt. Jeder kann jederzeit aussteigen oder pausieren, sich an die Seite setzen oder draußen etwas essen oder trinken. Im freien Spielteil am Ende ist alles erlaubt, was zwischen den Spielenden im Einverständnis passiert. Auch penetrativer Sex ist erlaubt, auch wenn der Fokus nicht darauf liegen soll, sondern eher allgemein auf dem sinnlichen Erleben aller Arten von Berührungen und Eindrücken.

Wie die Tempelnacht weiterging, lesen Sie in Séparée No.48

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