Sexuelle Fatigue

Wenn alles möglich ist, aber nichts mehr unter die Haut geht.

Text: Anne Brandt & Till Ferneburg, Foto: terovesalainen/stock.adobe.com

 

Noch nie wurde so differenziert und zugleich so offen über Sexualität gesprochen. Noch nie war das Repertoire an Begriffen und Methoden so umfangreich, die Haltung so reflektiert, der Anspruch so hoch. Noch nie stand uns ein so reichhaltiges Vokabular für Lust, Konsens und Körperlichkeit zur Verfügung.

Wir haben uns weg von den schamhaften Flüstertönen der Vergangenheit hin zu einer aufgeklärten Gesellschaft entwickelt, die ein buntes, vielfältiges, neonleuchtendes Vokabular der Sexualität – oder besser: der Sexualitäten – geschaffen hat. In Podcasts, Instagram-Reels und auf Panels wird gesprochen, analysiert, diskutiert. Und die Namen vieler Workshops in diesem Bereich klingen wie Cocktails in einer angesagten Bar: Feuer der Lust – das Extase-Retreat, Kinky-Kuss-Workshop, Wheel-of-Konsent-Training, Yoni-Watching, Conscious Tempelnight.

Ja, diese Entwicklung ist ein Geschenk. Sie befreit uns vom Schweigen und vom Tabu. Sie öffnet Räume, in denen Menschen sich ausdrücken, ihre Grenzen benennen und ihre Sehnsüchte teilen können. Wir erleben immer wieder, wie transformierend es sein kann, endlich Worte zu finden für etwas, das lange nur als diffuses Gefühl existierte. Sprache schafft Bewusstsein und aus Bewusstsein entsteht Klarheit. Doch Sprache und die damit einhergehende Deutlichkeit können dem Sex auch seine Magie nehmen. Das Mysterium, das ihm innewohnt, kann durch zu viele Worte, zu viel Bewusstsein überlagert werden.

Viel wissen, wenig spüren

Die tektonischen Verschiebungen auf dem Feld der Sexualitäten haben vielfältige Auswirkungen. Neben der neu gewonnenen Freiheit taucht eine andere Erfahrung auf: eine Form von Müdigkeit, die sich schwer greifen lässt. Menschen sagen: „Wir machen doch alles richtig, und doch fühlt es sich nicht wirklich lebendig an.“ Oder: „Ich weiß so viel über Sexualität – und doch spüre ich so wenig.“

Diese Erfahrungen beschreiben, was wir Sexuelle Fatigue nennen: eine Erschöpfung, die nicht aus Mangel entsteht, sondern aus Überfülle.

Sexualität ist heute weniger Tabu als Projekt. Es ist zu begrüßen, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich mit großer Ernsthaftigkeit aufmachen, gute Liebhaber*innen zu werden, ihre Lust zu verstehen, sich der eigenen Sinnlichkeit anzunähern. Als Sexologin und als Sexualberater begrüßen wir das sehr,  beobachten aber auch, dass dies mit der Disziplin eines Trainings zur Kompetenzsteigerung geschieht. Die eigene Sexualität wird analysiert und inszeniert, ähnlich wie andere Lebensbereiche.

Da wird sich eingehend mit der Anatomie von Geschlechtsteilen beschäftigt, Kuss-Workshops und Tantramassage-Seminare besucht, Konsent und Kommunikationstechniken geübt, Methoden und Settings ausprobiert, um herauszufinden, was sich stimmig anfühlt. All das kann klärend, stärkend und befreiend sein. Doch manchmal entsteht dabei eine paradoxe Leere. Wenn alles besprochen, alles verstanden, alles ausprobiert ist, bleibt wenig Raum für das Unvorhersehbare.

Den vollständigen Text lesen Sie in Séparée No.48

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