Sex im Angesicht des Todes

Wenn man todkrank ist und weiß, dass man bald sterben wird – wie sieht es aus mit dem Sex? Ein Interview mit Murielle Kälin, Trauerrednerin und Trauerbegleiterin.

Interview: Sabrina Gundert, Foto: Murielle Kälin

 

In einem Fachartikel stand, dass ganz praktische Fragen, wie „Kann ich noch Sex haben, wenn ich eine Chemotherapie mache? Schade ich meinem Partner oder meiner Partnerin damit? Funktioniert das körperlich noch?“ oft im medizinischen Umfeld zu klären wären, aber nicht benannt werden. Aus Scham und weil es keine tabufreien Räume gibt, um darüber zu sprechen.

Ich glaube, dass man sich hier kaum traut zu fragen – es sind halt schon noch die Götter in Weiß. Ich stelle mir vor, du sitzt vor deinem Onkologen, der offenbart dir gerade die beschissenste Diagnose, die du bekommen kannst. Und deine Frage ist: Kann ich dann noch schnackeln? Also das wagt man irgendwie gar nicht. Es ist natürlich auch die Frage: Ist das jetzt wirklich das Hauptproblem? Und ja, vielleicht ist es das für dich.

Wie erlebst du das: Wer möchte mehr Sex, die Partnerin oder der Partner mit lebensbedrohlicher oder lebenslimitierender Diagnose oder Krankheit oder der andere?

Ich erlebe wirklich beides. Der gesunde Partner oder die gesunde Partnerin hat oft Gedanken wie: Wie kann ich jetzt an Sex denken, es geht doch um viel Wichtigeres, nämlich um das Leben des anderen. Ich sehe, dass Menschen beinahe zerrissen werden in solch einer Situation. Es ist das Spannungsfeld zwischen Tod und Leben – Sex als pure Lebendigkeit, der Tod und das Sterben als anderer Pol davon.

Es gibt diese Wünsche aber auch beim anderen: Nämlich dass die Patientin oder der Patient durchaus noch kann und will. Dass er oder sie das Leben nochmal ganz in sich aufnehmen möchte, sich selbst und den eigenen Körper spüren, solange es eben geht. Oft hat dann aber der Partner oder die Partnerin das Gefühl: Das können wir doch nicht machen, weil du so krank bist – verbunden mit der Angst, durch den Sex etwas kaputt oder noch schlimmer zu machen.

Das heißt, oft will oder kann einer, aber der andere nicht, es wird aber meist nicht darüber gesprochen?

Absolut. Man muss natürlich auch ehrlicherweise sagen, dass oft libidomäßig nichts mehr geht aufgrund einer fortgeschrittenen Krankheit oder durch Medikamente. Zumindest nicht im klassischen Sinne. Gerade in den letzten Momenten eines Lebens erleben viele Paare, die ich begleitet habe, Intimität auf einem Niveau, die sich wirklich anfühlt, als wäre sie für die Ewigkeit gemacht.

Häufig ist das dann nur ein Händefühlen, aber die Rückmeldung ist oft: Ich war ihm oder ihr noch nie so nahe wie in diesem Moment. Jede Geste, jeder Blick, jede Berührung – alles zählt tausendfach, weil jede Berührung im Angesicht dieser Endlichkeit möglicherweise die letzte sein könnte. Auch wenn das jetzt wirklich nicht im klassischen Sinne der Geschlechtsverkehr ist.

Lesen Sie das vollständige Interview in Séparée No.48

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