Lila Liebe

Eine Liebeserklärung an eine verkannte Farbe.

Text: Micha Cudoba / Franziska Hauser

Bei Weintrauben und Zwiebeln kaufe ich ja lieber die dunkelroten, fast violetten. Ich kaufe überhaupt alles was lila ist, esse gerne Cassisjoghurt, Auberginen, Radiccio, Pflaumen, Brombeeren, Blaubeeren und natürlich Feigen. Feigen am liebsten. Manchmal kaufe ich einfach Lebensmittel, die lila verpackt sind. Das passiert, wenn ich beim Einkaufen nicht mitdenke, sondern vernebelt und versonnen überlege, ob ich eine, besonders wohlgeformte, Zucchini mitnehmen sollte.

Wenn man mal darüber nachdenkt, fällt jedem eine Lieblingsfarbe für Nahrungsmittel ein. Mein Sohn isst alles Gelbe. Gelb verspricht Süße. Meine Tochter alles Rote. Für meinen Exmann musste es immer dunkel sein. Braun oder Schwarz. Kaffee, Schwarzbrot, Senf, Lakritze. Lila mochte er nicht. Zum Kinderkriegen soll das ja gut sein, habe ich mal irgendwo gelesen. Die Kinder von Menschen mit besonders unterschiedlichem Geschmack sind meist ziemlich gesund.

Meine Gier nach Lila ist so groß, dass ich mir auf Sommerwiesen Rotkleeblüten in den Mund stecke. Für eine dunkelhäutige Frau mit violett-pinkem Lippenstift könnte ich ohnmächtig werden. Es wird immer schlimmer mit mir. Manchmal ist es mir echt egal, dass nur dunkelhäutige Frauen mit lila Lippen so hinreißend aussehen. Dann trage ich einen meiner unbenutzten lila Lippenstifte auf und gehe am Spiegel vorbei. Ich sehe aus wie eine Hexe, hat mein Sohn, als er klein war gesagt und ja, es wirkt irgendwie kalt und böse. Aber mein Gefühl dazu ist im Gegenteil ganz warm und erlöst, als könnte diese Farbe mich irgendwie retten. Als könnte ich mich darin verkriechen, wie in einer Höhle. Wenn man die Affinität naturheilkundlich analysiert, wird klar: violette Pflanzen heilen vor allem die Schleimhäute. Es gibt ja diese Diagnosen, bei denen man sofort denkt: Stimmt! Klar, mein Körper versucht sich selbst zu heilen. Gib mir lila Blüten! sagt er und da hat er ganz recht. Die Schleimhäute sind meine Schwachstelle. Ist das vielleicht der Grund, aus dem ältere Frauen lila tragen? Die nachlassenden Eigenschaften der Schleimhäute? Müssen wir nur mehr Malventee trinken, anstatt ein lila Kleid zu kaufen?

Ich habe Lila schon immer geliebt und es schien mir eine verbotene Farbe zu sein. Verpönt, als hätte man einen schlechten Geschmack. Zu künstlich. Primitiv irgendwie. Als würde man nur verbergen wollen, dass man untergründig auf dem kindlichen Prinzessinnen-Pink hängengeblieben ist. Ich hatte sogar den Eindruck, Erwachsene hätten Angst vor Lila. Und vielleicht ist der Gedanke nicht ganz unbegründet. UV Strahlung hat so viel Energie, dass sie organische Bindungen spalten kann. Sie kann biogene Substanzen zerstören. Lebensfeindlich ist das. Wie alles, wovon wir zu viel oder zu wenig haben. Aber bevor das Violett Ultra wird, strahlt es eben auch schon eine Menge Energie aus.

In einer Studie las ich: Menschen mit lila Bettwäsche hätten am meisten Sex, womit wir schon wieder bei den Schleimhäuten sind. Noch mehr Sex hätte man in lila Seidenbettwäsche. Das war auch so eine Diagnose, bei der ich sofort dachte: Stimmt!

Nun habe ich einen neuen Mann, mit dem ich kein Kind habe. Unser Geschmack ist sehr ähnlich, wir essen das Gleiche und er hat sogar ein lila Hemd im Schrank. Seit ich diesen Mann liebe, ist irgendwie jede Faser meines Körpers nur noch auf ihn ausgerichtet. Das geht jetzt schon seit neun Jahren so und weil ich ihn unbedingt behalten will, habe ich ihn zum Heiraten überredet, was er letztendlich auch ganz gut findet. Es wurde eine Corona Hochzeit mit sechs Gästen und ohne Hochzeitsnacht im Hotel. Aber dafür mit lila Bettwäsche, die ich heimlich vorher gekauft und aufgezogen hatte. Mit dem Ex wäre das nicht gegangen. Geweigert hätte es sich, mit mir in dieser Farbe zu schlafen, gegen die er eine Aversion hat. Aber der neu geheiratete Mann war begeistert und die Hochzeitsnacht wurde ein ultraviolettes Abtauchen in diese neue Ehe. Beinahe hätten sich die organischen Substanzen aufgelöst und es war wieder so, dass ich danach kaum glauben konnte, dass ich immer noch ich bin und er immer noch er. Manchmal ist der Sex für mich, als würde die Flut zurückkommen und alles wieder mit Leben füllen. So einer war das. Ich wäre gerne in seinem Brustkorb verschwunden. Auch der Schlaf in Lila kam uns tiefer vor. Wie in einem dunklen Mutterbauch. Wenn ich jetzt in dieser violetten Wäsche abends im Liegen noch lese, schläft das Bett immer vor mir ein. Die Schwierigkeit ist nur nachts von der Toilette zu kommen und im Dunkeln das Bett wiederzufinden. Mit weißer Wäsche ist das leichter. Als wir ein paar Wochen später in türkiser Bettwäsche schliefen, in der ich zum Einschlafen immer an Strand und Ozean denke, wurde es mir klar: Türkis und Lila, das sind die exotischen Sehnsuchtsfarben. Türkis wird sehr schlau von allen Reisebüros eingesetzt, um uns raus in die Ferne zu ziehen. Aber das Violett zieht uns ganz tief nach innen.

Mehr Fotos von Franziska Hauser in lila Bettwäsche finden Sie in Séparée No.29

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