Komm doch, wie du willst!

Eine kritische Auseinandersetzung mit Wegen zum Höhepunkt, ohne den ermutigenden Blick auf ein individuelles Lusterleben zu verlieren.
orgasmus

Sinnesrausch und Glücksgefühl, Mythos oder Pflichtnummer? Die Autorin Stefanie Rinke hat sich kritisch mit Wegen zum Höhepunkt auseinandergesetzt und dabei biologische und andere Fachliteratur zu Rate gezogen, ohne den ermutigenden Blick auf ein individuelles Lusterleben zu verlieren.

 

Text: Stefanie Rinke
Foto: timofrankberlin

Der Orgasmus – lustvoller Höhepunkt, Glücksmoment voller Innigkeit und strömender Liebe, „kleiner Tod“. Jede und jeden betrifft es, niemand wird sich diesem Thema ganz und gar entziehen wollen, handelt es sich doch um einen Augenblick völliger Präsenz, erfüllter Lust, des ganz bei sich im Hier- und Jetzt-Seins, friedvoller Hingabe. Für manche ist es eine Selbstverständlichkeit, für andere etwas, das sie sich hart erkämpft haben, für viele etwas, das sie gerne zelebrieren, für wieder andere ein großes Problem, für die nächsten eine Sache, über die sie nicht gerne Auskunft geben. In jedem Fall aber wird über das „Kommen“ viel zu wenig miteinander geredet, angesichts der großen Bedeutung, die es mal mehr, mal weniger für Frauen und Männer hat. Einerseits gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen, wie der Orgasmus erlebt wird, andererseits aber ist ein breites Spektrum möglicher Vorlieben vorhanden hinsichtlich der Wege, wie das höchste Glücksgefühl zu erreichen ist. Schließlich sind wir Menschen nicht alle gleich.
Die Unterschiedlichkeit mag dazu führen, dass sich vorgefertigte Ansichten hartnäckig halten, auf welche Art wir es am besten machen sollten. Nach wie vor gibt es Unsicherheiten, wie das Kommen geht, ob es überhaupt geht und was richtig ist. Das Vortäuschen des Orgasmus ist immer noch verbreitet. Der Leistungsdruck beim Sex ist in den letzten Jahren angesichts der allgemeinen Selbstoptimierung nicht weniger geworden. Die Verunsicherung greift noch tiefer um sich, bestimmte Formen des Orgasmus werden weiterhin ganz in Abrede gestellt.

Zum Beispiel der vaginale Orgasmus. Er sei nur ein Mythos, wie noch im Juni 2018 in der „Untenrum-Kolumne“ des „jetzt“ Online-Magazins der Süddeutschen Zeitung behauptet wird. So schreibt Katja Lewina dort, dass die „Mehrheit aller Frauen den Penetrations-Orgasmus nie erreichen wird“ und zitiert Studien, wonach viele Frauen keine vaginalen Orgasmen haben. Doch was heißt das eigentlich? Nur weil es eine Minderheit ist (von immerhin einem Drittel aller Frauen), die den vaginalen Orgasmus regelmäßig lebt, soll er nicht existieren? Sind solche Behauptungen überhaupt zulässig?

Schaut man genauer hin, dann diente die Behauptung vom Mythos des vaginalen Orgasmus in den 1970er Jahren als „feministische Kampfansage“. Damals argumentierte etwa Alice Schwarzer in „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ (1975), dass nicht die Vagina sondern die Klitoris das eigentliche Sexorgan der Frau sei. Die vaginale Lust durch Penetration sei hingegen äußerst unwahrscheinlich, weil die Klitoris beim normalen Geschlechtsverkehr zu wenig stimuliert werde. Männer allerdings würden den „Mythos“ vom vaginalen Orgasmus gerne aufrechterhalten, um Frauen für ihre männliche Lust am Koitus gefügig zu halten. Diese Ansicht vertrat Schwarzer auch noch im Jahr 2015.
Ist für die Zeit der Frauenbewegung der 1970er Jahre diese Aussage nachvollziehbar, weil u. a. Freuds Glaubenssatz vorherrschte, wonach sich die Sexualität des Mädchens von der Klitoris, der ersten noch kindlichen Lustzone, auf die Vagina, die reife Lustzone, übertragen sollte, um eine erwachsene, vollwertige Frau zu werden. So hat Schwarzer zu Recht Einspruch erhoben und sich für Selbstbestimmung eingesetzt. Denn natürlich sind Frauen vollwertig, wenn sie ihr Leben lang klitorale Orgasmen leben. Doch sollte andersherum heute aus dieser Selbstbestimmung nicht wieder Einseitigkeit nunmehr unter entgegengesetztem Vorzeichen hervorgehen. Denn warum sollten sich Frauen zwischen dem klitoralen und vaginalen Orgasmus entscheiden müssen? Sind es nicht vielmehr zwei mögliche Kanäle orgastischer Lust? Für den Orgasmus gilt doch: Viele Wege führen nach Rom! Denn er ist zunächst einmal „nur“ eine Kontraktion und Entladung im Bereich des unteren Bauchraums. Diese läuft bei allen Menschen ungefähr gleich ab. Was sich unterscheidet, sind die Wege, durch die der Orgasmus stimuliert wird, diese sind vielfältig und erlern- und potenzierbar. Ein Klärungsversuch.

Das Wort Orgasmus stammt von griechisch „orgao“ für „vor Lust anschwellen, strotzende Begierde“. Der Orgasmus ist nicht nur der Höhepunkt, sondern auch ein Wendepunkt der sexuellen Erregung wie eine Kurve, die nach dem Hoch abfällt und in Entspannung mündet. Schaut man sich wissenschaftliche Untersuchungen zum Orgasmus an, so beziehen sich viele auf die umfangreichen empirischen Untersuchungen von William H. Masters und Virginia E. Johnson aus dem Jahre 1966. Die Wissenschaftler untersuchten die Orgasmen von über 10.000 Paaren im Labor. Anhand der untersuchten männlichen und weiblichen Orgasmen unterschieden Masters und Johnson vier Phasen des sexuellen Reaktionszyklus‘, die zwar in unterschiedlicher Intensität und Ausprägung messbar waren, dennoch aber bei allen untersuchten Frauen und Männern im Kern ungefähr gleich abliefen.

 
 

Den vollständigen Artikel lesen Sie in Séparée No.21.

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