Einer geht noch

Warum bedeutet eine hohe Beutequote oft immer noch einen Triumph für Männer und eine Schande für Frauen?

Text: Alexandra Stern
Illustrationen: fona/stock.adobe.com

300 – was für ein Statement! Als diese Ziffer ins Gespräch ploppte, hob sich meine linke Augenbraue. Ich sah Jasons stolzes Grinsen, mit dem er die Zahl ausgesprochen hatte und mich nun fragte: „Und, wie viele Männer hattest du bis jetzt in der Kiste?“ Klar, dass diese Frage kommen musste. Geantwortet hatte ich bisher nie, macht man doch als Frau nicht. Die gängigen Klischees, die Antwort betreffend, waren mir hinlänglich bekannt. Aber Jason ist ein guter Freund und ich antwortete ihm ehrlich: „150″. Jason sah mich entgeistert an. „Du bist eine Schlampe.“, teilte er mir ungefragt seine Meinung dazu mit. Mir schwoll augenblicklich der Kamm. Was jetzt – er darf, aber ich nicht?!

Das war der Anfang einer hitzigen Diskussion, die mich bis heute beschäftigt. Warum wird ein Mann, der viele Frauen hatte, als Gigolo und Casanova belächelt oder gefeiert, während eine umtriebige Frau das Image eines unsteten Flittchens riskiert? Warum schmücken sich berühmte Musiker und Fußballer gern mit einer hohen Beuteziffer, während namhafte Damen sie lieber verschweigen? Jeder sollte so viele Sexpartner haben, wie er mag (und kann). Hauptsache ist doch, jeder ist ehrlich mit sich und anderen.

Ich muss dazu schreiben, dass ich mich selbst nicht besonders toll fühle mit meiner Sex-Summe. Was sicher daran liegt, dass ich streng katholisch erzogen wurde. Mit 14 rebellierte ich allerdings energisch dagegen und legte mit 15 meine Jungfräulichkeit ab. Als Erwachsene trat ich dann sogar aus der Kirche aus. Dennoch scheint mir die Scham, was die Zahl meiner Sexpartner bisweilen angeht, mit in die (Tauf-)Wiege gelegt worden zu sein. Mein Freiheitswillen aber auch. Dann hatte ich eben 150 Männer, warum auch nicht! Ich bin knapp 40 und schon lange Single, was für mich bedeutet, Spaß zu haben ohne Grenzen. Schon gar keine mathematischen. Aber ich kenne natürlich die Mär um die Zahl der Sexpartner, die man im Leben hatte. Keiner will so richtig über sie reden (außer man ist vielleicht in der Pornobranche tätig).

Jason fragte mich dann noch, ob ich wirklich penibel mitgezählt hätte. Er selbst habe nur geschätzt. Ich musste bei diesem Satz lächeln. Zumindest da hatte ich ihm etwas voraus: Ich habe jeden einzelnen Mann aufgeschrieben, nachdem ich ihn aufgerissen hatte. Oder er mich. Immer mit einem Wann und Wo. Wozu? Weil ich, und jetzt wird es ein bisschen peinlich, zum Abitur einen Wettstreit mit einer Freundin hatte, nachdem sie feststellte, dass ihr letzter Liebhaber auch in meinen seidigen Laken gelandet war. Von da an wollte sie die Challenge, wer von uns die meisten ins Bett bekommen würde. Klar, dass ich in meiner Sturm- und Drangzeit die Herausforderung annahm. Und auch wenn die Freundschaft später zerbrach und ich es nicht mehr auf eine Zahl anlegte, so fand ich es doch ganz praktisch, “mitzuschreiben”. Ich bezweifle, dass ich mich sonst noch an jeden einzelnen Bettgenossen erinnern würde.

Kürzlich las ich einen Artikel, der mich erneut aufregte und auch deshalb zu meinem Text hier (ver)führte. Eine junge Frau hatte in “Deutschlands größter Tageszeitung” leicht provokant von 25 Liebhabern geschrieben – und zack, war sie für einen Kommentator eine Schlampe. Ich beschloss, die sozial-geschönte Umfrage im Anhang des Artikels zum Anlass zu nehmen, um eine unfrisierte unter meinen Freundinnen zu starten. Und siehe da: Die meisten wollen nur unter dem Mantel der Verschwiegenheit eine Beischläferanzahl benennen. Wie sicher die meisten anderen Frauen in Deutschland auch. Schließlich möchten sie in der Regel als normal gelten. Aber was ist schon “normal”? Ich habe darauf auch keine konkrete Antwort parat. Zehn Männer im Leben gehabt zu haben klingt durchschnittlich, aber langweilig. Zwanzig ist irgendwie ganz okay, nur vielleicht auch schon zu viel. Wenn man denn die Frage zulässt, was an zahlreichen Männern im Bett zu viel sein kann. Mir haben 150 sicher nicht geschadet, im Gegenteil: Von meinen Erfahrungen kann ich nur profitieren. Und von der mir gebotenen Abwechslung auch.

Was die Recherche unter ihren befreundeten Frauen und Männern ergab, lesen Sie in Séparée No.28.

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