Die Rosenfrau

Aber vielleicht sollte ich auf die Rose verzichten und stattdessen einen Pinsel kaufen? Wie wird es sein, denke ich, wenn ich ihr mit der seidenen Weiche eines fuchshaarenen Pinsels die Haut ihrer Schenkel entlangfahre, wenn ich ihr mit der Brutalität sanfter Gewalt über die Scham streiche, wenn ich den Duft ihrer Rose auf der Spitze des Pinsels als Gruß ihren Lippen darbringe? von Ludwig Schumann
Eigentlich wollte ich ihr eine Rose kaufen. Das ist ein schwieriges Unterfangen. Bei ihr müssen die Rosen duften, wenn sie wahrgenommen werden wollen. Und es gibt keine duftenden Rosen mehr in Blumengeschäften zu kaufen. Der Preis dafür, dass es zu allen Jahreszeiten Rosen gibt, ist ihr Duft. Was, zum Teufel, kann man mit einer kastrierten Rose noch sagen?
 
Ich fahre am ersten Blumengeschäft vorbei. Ich fahre am zweiten Blumengeschäft vorbei, als mir der Gedanke kommt: Wenn sie schon nicht duften, sollte man die Rose vielleicht malen. Vielleicht bekommt man die Melancholie ihres Duftes auf die Pinselspitze und bannt sie in amaranthenem Rot auf das Papier?
 
Das Rot der Rose erinnert mich an den Amaranth, der unter den Zebrafinken allein und melancholisch, wie mir damals schien, im Käfig saß. Er hielt sich vornehm, hatte nichts von der ordinären Geschwätzigkeit seiner Käfiggenossen.
Aber vielleicht sollte ich auf die Rose verzichten und stattdessen einen Pinsel kaufen? Wie wird es sein, denke ich, wenn ich ihr mit der seidenen Weiche eines fuchshaarenen Pinsels die Haut ihrer Schenkel entlangfahre, wenn ich ihr mit der Brutalität sanfter Gewalt über die Scham streiche, wenn ich den Duft ihrer Rose auf der Spitze des Pinsels als Gruß ihren Lippen darbringe? Ich sehe weit und breit keine Parklücke. Doch es gibt nur diesen einen Laden, wenn ich heute noch meine Fantasie umsetzen will. Also halte ich auf dem Bürgersteig, lasse den wütenden Radfahrer an mir vorbei, ehe ich aussteige. Ich lasse mich von der aufdringlichen Verkäuferin nicht stören. Ich nehme ihre Fragen nicht zur Kenntnis. Ich will jetzt nicht reden. Ich sehe sie vor mir liegen, die Augen geschlossen. Sie beißt sich jedesmal auf die Unterlippe, bevor ihr ein Seufzer entfährt. Als wollte sie den Ton noch zurückhalten, der ihr von den Lippen tropft, gegen dessen Geburt sie sich nicht wehren kann. Sie lehnt sich zurück und ihre Rose konzentriert sich darauf, unter den Händen des Malers zu erblühen.
Es dauert eine Zeit, bis ich die entsprechende Form des Pinsels erahne, die sie zum Erblühen bringen soll. Wie ein großer, bernsteinerner Tropfen ist das Fuchshaar um den Stab geordnet. Buschig – und doch mit einer erstaunlichen Spitze, mit der man auf den Punkt genau treffen kann. Handgearbeitet. Sie werden sehen, sagt die Verkäuferin, die sich inzwischen entschloss, die Zurückweisung ihrer Dienste nicht mehr als Kränkung zu empfinden, bei dieser Qualität verlieren Sie kein Haar, während sie malen. Sie verweist darauf, dass sie, wenn ich Flächen bemalen wolle, in derselben Qualität auch breite Pinsel habe. Ich sehe ihren Bauch vor mir. Fülle ihren Nabel mit Champagner und tauche den Pinsel behutsam ein. Ich bedanke mich, sage ihr, dass ich ein anderes Mal käme, um auch dieses zu probieren. Ich entferne das freundliche Schreiben mit der angehängten Zahlkarte, dass mir inzwischen die Stadtverwaltung überbringen ließ, von der Frontscheibe und versuche, ein Gefühl für den mich umgebenden Verkehr zu entwickeln.

Es gelingt mir nur mangelhaft. Wieviel Technik, denke ich, gehört dazu, ans Ziel zu gelangen? Vor jeder auf Rot geschalteten Ampel stelle ich mir vor, wie sie den Linien nachspürt, die der Pinsel auf ihrem Körper zeichnet, sich ihnen hingibt. Wie sie noch die feinste Vibration auf ihrer Haut spürt und in den leisen, anschwellenden Ton ihrer Lust umsetzt. In jeder Grünphase stürzt die Fantasie in sich zusammen und ich gleite im Strom mit, wie damals, in der Urform, als ich zum ersten Mal ein Rennen gewinnen musste und vor den anderen die Eizelle traf. Die reglementierte Gewalttätigkeit des Stadtverkehrs lässt keinen Raum mehr für die Freude, die zu wachsen beginnen sollte, bevor man ankommt. Ihr Bild ist da und entschwindet gleich wieder – von Ampel zu Ampel.
Sie packt Weihnachtsgeschenke ein. Sie hockt auf dem Boden, konzentriert auf die richtige Zuordnung der Geschenkpapiere und Schleifen. Welches ist dein Geschenk, fragt sie? Du wirst es nicht erraten. Ich will es nicht erraten. Ihre Haut riecht so laut nach Frische, dass sie mir in den Ohren dröhnt. Für einen Moment gelingt es mir, mit der Spitze meiner Zunge, mit der ich ihr über den Hals fahre, sie aus ihrer Geschäftigkeit in Starre fallen zu lassen. Sag schon, sagt sie, welches ist dein Geschenk? Ich weiß es nicht. Sie zeigt auf ein schmales, biegsames Blatt. Ich fahre ihr mit dem Pinsel auf dem feuchten Streifen entlang, den meine Zunge hinterlassen hat. Ich spüre ihre Lust, für einen Moment. Sie zündet sich dagegen eine Zigarette an. Weiß du, weshalb ich keine Bindung eingehen möchte, fragt sie plötzlich. Weil du viel zu genusssüchtig bist, antworte ich ihr. Ich spüre, dass ich sie verletzt habe. Wie sie mich mit der Frage, denke ich. Ich habe keine Lust, sie in meine Fantasie eindringen zu lassen. Gestern ist mir eingefallen, was ich dir schenken kann, sagt sie nach einer kurzen Pause. Ich mache nur Geschenke, von denen ich auch etwas habe. Es ist noch nicht Weihnachten, aber ich wickele mein Geschenk aus. Eine Urkunde ist es. Dem Inhaber wird bestätigt, dass er sich zur Fußzonenreflexmassage anmelden darf. Merkwürdig, denke ich. Nichts, aber auch nichts kann man vor ihr geheim halten, Verkrampfungen sowenig wie Lüste. Ich habe einfach ein Näheproblem, sagt sie. Ich kann sie nicht zulassen. Du hast Angst vor Verletzungen, sage ich. Aber Verlust heilt keine Ängste.

Sie trägt keinen Slip. Während sie ihr letztes Geschenk einpackt, kuschelt sie sich in meine Hand. Samten ist sie, wenn sie Lust hat. Sie drückt die Zigarette aus und holt eine Flasche Champagner. Wir setzen das Gespräch nicht fort. Zumindest nicht mit Worten. Wie ein aufgeschlagenes Skizzenbuch liegt sie da, als ich den Saum ihres Hauskleides nach oben geschoben habe. Ich feuchte den Pinsel in meinem Mund an und fahre ihr behutsam die Schenkel hinauf, treffe ihre Feuchte und drehe ihn, dass er sich nässt. Mehr, sagt sie, lass nicht nach. Ich tauche ihn in den Champagner. Er ist kühl. Sie zittert. Die Tropfen perlen zwischen ihren Haaren, versammeln sich zwischen ihren Lippen und rinnen ihr die Beine hinab. Die prickelnde Kühle hinterlässt ihre Spuren. Während ich sie küsse, sauge ich den Champagner wieder auf. Dieses Wechselbad von Kühle und Hitze, von Champagner, Speichel und ihrer Feuchte treibt ihr Schauer über den Körper. Schön, sagt sie, das ist wunderschön. Sie geizt. Sie will nicht mich, sondern den Pinsel. Mach es dir, sagt sie, ich schau dir zu. Während sie, zurückgelehnt, genießt, was sie in sich fühlt und was ich mir tue, vor ihr knieend, fällt ihr mein Schweiß auf den Bauch. Sie streichelt ihn sich in die Haut. Komm, sagt sie, lass es endlich laufen. Ich streiche ihr mein Weiß über den Bauch, über die Lippen. Das, sagt sie, ist der Duft der Rosen. Endlich leben sie wieder.

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