Das entehrte Geschlecht

Ralf Bönt bezeichnet sich als Antisexist. Seine Sicht auf Männer, Frauen und die Sexualität hat Ute Cohen im Gespräch nach dem Fotoshooting erfragt.

Berlin-Friedrichshain. Ein eisiger Wind peitscht um die Häuser. Griesgrämige Gestalten, das Gesicht über das Smartphone gebeugt, hetzen über die Straße. Leibgewordene Klischeebilder des modernen Mannes. Ganz anders Ralf Bönt, der sich im flauschigen rosa Bademantel auf einem Vintage-Ledersessel im Fotostudio Kirsten Breustedts räkelt. Es riecht nach Schweiß, nach Mann, nach einer Fotosession, in der Bönt, Schriftsteller und Physiker, die Hüllen fallen lässt. Fast weiblich kokettiert er da mit seinem durchtrainierten Radlerkörper. „Jetzt brauche ich aber einen Kaffee“, sagt er und schmiegt sich lachend an mich für das Making-of-Foto. Schwupp, in die Umkleide und schon ist er, ganz in cooles Schwarz gekleidet, bereit, dem Macho-Man den Gnadenstoß zu geben.

 

Interview: Ute Cohen
Foto: Kirsten Breustedt

 

Herr Bönt, Sie sind ursprünglich Physiker. Wie lautet die Formel für guten Sex?

Die richtige Relativbewegung finden. Als Physiker lernt man mit Bezugssystemen umzugehen. Man lernt, dass sich die Erde nicht um die Sonne dreht oder die Sonne um die Erde, sondern beide um den gemeinsamen Massenmittelpunkt. Das ist der Punkt, auf dem eine Wippe aufgelegt werden müsste und Sonne und Erde sich im Gleichgewicht befinden. Die Natur ist symmetrisch aufgebaut. Alles, was nicht symmetrisch ist, ist nicht stabil. Für Sex bedeutet das: Die typische Aktiv-Passiv-Vorstellung gilt nicht. Es geht darum, wie man sich zueinander bewegt. Es dauert lange, bis man die Symmetrien in einer Form entdeckt, das ist aber wahnsinnig ästhetisch und extrem lehrreich. Physikalische Gesetze kann man nur richtig erkennen, wenn man frei ist von bestimmten Beschreibungsformeln. Man muss sich frei machen von Koordinatensystemen. Beziehungen sehen wir immer noch viel zu statisch, zu starr. Also: Macht euch frei!

In Ihrem „Manifest für den Mann“ sprechen Sie von der „geehrten Sexualität“ und vom „entehrten Geschlecht“. Was hat man darunter zu verstehen?

Die Ehre des Mannes war ursprünglich definiert durch Muskelkraft und durch Geisteskraft. In der Moderne wurde die Muskelkraft ersetzt durch Elektrizität, die Geisteskraft durch Computer und vor allem die Intelligenz der Frauen, als sie sich Zugang zu Bibliotheken und Universitäten verschafften. Dadurch wurde der Mann ehrlos in diesem alten System, der Mann muss sich also neu definieren. Bei Naturvölkern gibt es die Verehrung des Phallischen, bei uns wird das Männliche mit Schmutz und Gewalt in Verbindung gebracht. Grundsätzlich ist Sexualität aber doch eine gute Kraft, die Menschen zusammenbringt und Familie stiftet. Das wird zur Zeit unterschätzt.

Ehre ist in erster Linie ein sozialer Zwang, den man verinnerlicht. Dem Begriff haftet etwas Archaisches, an ein Kollektiv Gebundenes an. Sollten wir uns nicht eher von Zwängen befreien? Schließen sich Sex und Ehre nicht aus?

Nein, gar nicht. In asiatischen Sexualkulturen gibt es Verehrungsrituale, an denen ich auch teilgenommen habe. Hot Stone um den Phallus herum ist schon was Schönes. Damit erzeugt man ein Gefühl von Größe und Kraft. Ich verankere den Ehrbegriff im Körper des Mannes, anstatt ihn über den Frauenkörper zu definieren. Wobei natürlich jeder seine eigene Ehre hat. Wenn wir den Mann mehr ehren würden, hätte er weniger die Notwendigkeit, das über Dritte, die Frau und das Kind zu tun. Mein Ehrbegriff unterscheidet sich also klar von dem der patriarchalen Gesellschaften.

Sie wenden sich gegen das klassische Männerbild, das in Karriere, Konkurrenz und Kollaps bestehe …

Diese drei K’s finde ich nicht besser als Kinder, Küche, Kirche. Wir müssen unbedingt Raum schaffen für ein karrierefreies Männerleben. Es wäre auch gut, wenn ein solches Leben sozial höher bewertet würde, dafür braucht es natürlich Role Models. Was soll denn das für eine Welt sein, wenn alles, was für Männer galt, nun plötzlich für alle, für Männer und Frauen, gilt? Die kürzere Lebenserwartung, die höhere Sterblichkeit von Männern spricht doch schon dagegen, so leben zu wollen wie der „typische“ Mann.

Ist das nicht ein ziemlich negativer Blick auf den Mann? Der Mann ist erschöpft, hat aber doch auch die Möglichkeit zur Herrschaft …

Herrschaft ist ja nichts Freimachendes. Ich habe Herrschaft immer als Bürde empfunden in meinem Leben. Mir sind immer wieder leitende Positionen angeboten worden. Das war für mich nie attraktiv wegen des Stresses, ich wollte nicht immer für alles Verantwortung tragen. Mir ist es lieber, jeder trägt für sich selbst Verantwortung. Ich bin eben ein durch und durch liberaler Mensch, wenn ich frage: Sag mir, was ich tun kann, damit du mehr Verantwortung für dich übernehmen kannst! Das ist für mich auch das Ideal in einer Partnerschaft. Aber natürlich gibt auch Situationen, in denen man Verantwortung und Autoritätsgefälle annehmen muss – bei der Elternschaft zum Beispiel.

Wurde ihr Buch deshalb als Jammerbuch beschimpft? Sie seien nicht Manns genug, einen maskulinen Lebensentwurf zu verwirklichen …

Das ist ein grundsätzliches Missverständnis, dass das ein Jammerbuch oder ich eine Heulsuse sei, wie die EMMA schreibt; abgesehen davon, dass nur ein sehr kleiner Teil der Leser so reagiert hat. Entschuldigung, ich stehe auf gegen den Mainstream-Feminismus und sage: „Moment, hier ist ein Denkfehler! Wir brauchen etwas Anderes, müssen die Verletzlichkeit von Männern anerkennen, sonst werden wir die Drogentoten, Unfalltoten in der Arbeitswelt, Verantwortungslosigkeit im Geschlechtsverkehr und so fort niemals verhindern.“ Das ist doch ein Aufruf zu Veränderung, auch an die Adresse der Männer, sich zu fragen, was sie anders, besser machen könnten. Das ist alles andere als Jammern.

Sie selbst bezeichnen sich als Antisexisten. Wie unterscheidet sich Antisexismus von Feminismus oder Maskulismus?

Mit dem Sexismus ist es ja so: Manche Frauen mögen es, wenn man ihnen auf die Brüste schaut und ein Kompliment macht, andere knallen dir eine. Geh also aufmerksam durch die Welt und sieh zu, dass du keine geknallt kriegst! Was die Begriffe betrifft, habe ich eine Formel: Feminismus plus Maskulismus ist gleich Antisexismus. Antisexismus ist der Antirassismus der Geschlechter. Eine Ungleichbehandlung von gleichen Anteilen in Männern und Frauen, also das, was Menschlichkeit betrifft, ist Sexismus. Sexismus ist aber auch eine Gleichbehandlung von ungleichen Anteilen von Männern und Frauen. Man kann nicht so tun, als wären Männer und Frauen gleich, so wie die Gender-Theorie das gern möchte. In der Elternschaft sind Männer und Frauen extrem verschieden. Wir müssen lediglich daran arbeiten, dass wir gleichberechtigte Eltern werden. Das würde sich auf alle autoritären Strukturen auswirken. Die Kernfragen des Feminismus sehe ich in rechtlichen Dingen: Wahlrecht, Vergewaltigung in der Ehe, autofahrende Frauen in Saudiarabien … Politische Bewegungen haben immer einen juristischen Fokus. Bei Männern ist das die Frage des Sorgerechts. Zur Zeit nehmen Parteien Frauen jedoch wieder in die Arme anstatt sie freizulassen.

Wie erklären Sie sich, dass überkommene Männerbilder gerade wieder boomen? Man denke nur an den Rapper Kollegah und seine „10 Boss-Gebote“ oder die intellektuelle Variante von Jordan B. Peterson …

Das sind für mich alles Neo-Autoritäre, so ‚ne Art Abwrackprämie fürs Altmaskuline oder wie manche Feministin sagen würde: toxische Männlichkeit, die natürlich Quatsch ist. Männlichkeit ist an sich so wenig toxisch wie Wasser. Wir kochen diese alte Männlichkeit noch einmal auf, obwohl sie keine Zukunft hat. Dazu gehört auch der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, der ein Männerbild zeichnet, das angeblich durchschnittlich sein soll. Diese depressiven Typen, die frauenfeindliche Sprüche abgeben – durchschnittlich? Für mich ist das ein Extremismus sondergleichen. Diese Typen sind Comicfiguren wie Charles Bronson, der das fratzenhaft Männliche stark überzeichnet. Das drückt eine völlige Ratlosigkeit vor der Frage aus, was moderne Männlichkeit bedeuten kann. Mein Vorschlag ist: Sag „nein“, sag „nein“ und sag „ich“, sag „ich“! Gesteht euch ein, dass ihr Frauen liebt. Steigt ein in die Mikro-Familie, anstatt ständig nur den Ansprüchen der Gesellschaft genügen zu wollen. Eure Männerrolle funktioniert nicht mehr mit Frauen, die selbst über ihr Leben bestimmen. Eure Männerrolle funktioniert nicht in Zeiten, in denen das Patriarchat untergeht. Wir erleben gerade den kalten „Patrex“, den kalten Ausstieg aus dem Patriarchat.

 

 
 

Das gesamte Interview sowie die dazugehörige Aktstrecke finden Sie in Séparée No.20.

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