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Elternsex

separee
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Nils Pickert

Nach über 20 Jahren Beziehung, vier Kindern, mehreren Umzügen, Körpergewichtsklassen und grauen Haaren steht eine Sache nach wie vor felsenfest: Die Chefin von dem Ganzen und ich können uns ziemlich gut leiden, und wir haben tatsächlich immer noch gerne Sex miteinander. Ich ein bisschen häufiger als sie, aber das ist erstens nachvollziehbar und zweitens nicht so schlimm.

  • Text: Nils Pickert
    Fotos: Rawpixel.com - Fotolia.com

Wenn das Haus nach einem langen Wochenende völlig zerbombt und breibeschmiert aussieht, man die Kinder viel zu spät ins Bett bekommen hat, völlig erledigt ist und es einem vor dem unvermeidlichen Montagmorgen graut, dann hätte ich gerne Sex mit ihr. Gerade weil alles völlig aus dem Ruder läuft, anstrengend und nervig ist, hat Sex für mich was von Urlaub. Mit ganz viel Nähe und rausfinden, wie sich der andere gerade anfühlt und alles. Für sie ist es dann eher ein «Was, DAS jetzt auch noch?!» Gerne Sex, aber erst wenn wir all die anderen Sachen halbwegs auf die Reihe bekommen haben. Wie gesagt – nachvollziehbar. Und eben auch nicht so schlimm, weil ganz ehrlich: Es gibt Schlimmeres, als wenn man nach 20 Jahren immer noch Lust aufeinander hat und die Bedürfnisse eher in die Richtung gehen, dass man mehr Zeit miteinander verbringen will statt weniger. Viel Schlimmeres.

Also haben wir gelegentlich Sex. Genauer gesagt Elternsex. Der ist ein Spezialfall und erfordert nichts weniger als Nerven aus Stahl, telepathische Fähigkeiten und beinharten Durchhaltewillen. Zumeist beginnt er mit einem Gedankenaustausch.

Während mindestens eines der Kinder am Tisch über das Essen nörgelt, das ich gekocht habe, und meine Jüngste schreit, weil sie sich mit dem linken Auge aus Versehen (behaupte ich jetzt einfach mal) in den Breilöffel gestürzt hat, streicht sich meine Liebste unmerklich mit dem kleinen Finger über die linke Wange. Oha, denke ich. Das heißt: «Mir ist aufgefallen, dass du dich mal wieder rasiert hast. Ich hätte Lust, ausgiebig mit dir zu knutschen.»

«Nachtisch!» kräht mein Zweijähriger. «NACHTISCH!» Ich setze zu meinem üblichen «Ohne essen kein Nachtisch»-Sermon an, kratze mich am nicht mehr vorhandenen Bart und hebe die linke Augenbraue. Das Bartkratzen versichert der Liebsten mit tiefer Friedrich-Liechtenstein-Stimme, dass das eine «sehr, sehr geile» Idee wäre. Die Augenbraue merkt an, dass sie in dem weinroten Oberteil trotz Kürbisbreiflecken ausgesprochen lecker aussieht. Knappes Lächeln: «Danke. Erzähl mir mehr davon.»

Kurzes Aufhüsteln meinerseits: «Gerne. Ich schicke die Kinder nachher noch schnell in den Wald, ääh ins Bett, und dann muss ich mir deine fabelhaften Brüste dringend aus der Nähe anschauen.» Die Liebste tut einen tiefen Seufzer, weil die Großen angefangen haben, sich darüber zu streiten, wer zu dicht am anderen sitzt (sehr, sehr ungeile Idee) und um mich daran zu erinnern, wie fabelhaft sie sind. Eltern haben grundsätzlich ein Kommunikationsdefizit. Die wenigen Überlebenden, die es von uns noch gibt, sind deshalb dazu übergegangen, ihre rudimentäre Interaktion mit Mehrfachbedeutungen aufzuladen. Ein genervtes Aufstöhnen während der Abendnachrichten kann gleichzeitig die Weltlage, die Küchensituation, das kleine Windelpaket in der Ecke, unfaire Verteilung bei der Hausarbeit, eine leere Urlaubskasse und das zahnende Baby kommentieren. Auch oft dabei: Deine Mutter! Und das sind nur die gängigsten Übersetzungen.

Aber bei den Abendnachrichten sind wir längst noch nicht. Elternschaft bringt nicht nur die Notwendigkeit zu telepathischer Kommunikation mit sich, sondern auch die Verpflichtung, zeitig zu essen. Das wiederum eröffnet Zeiträume, in denen die Kinder bespielt und beschäftigt werden wollen. Also lasse ich die kleine Raupe Nimmersatt zum millionsten Mal einen wunderschönen Schmetterling werden, während ich versuche, einen Blick auf den Prachthintern der Liebsten zu erhaschen. Ich räume auf, tröste, schlichte Streit und spiele – alles auf Autopilot, weil ich mir im Hinterkopf bereits detailreich ausmale, was ich alles mit dieser Frau anstellen werde, die überraschenderweise Interesse daran bekundet hat, ausgerechnet mit mir und ausgerechnet in diesem Setting Sex zu haben. Ungeduschter Vierfachvater mit drei Monate rausgewachsenem Haarschnitt und Augenringen klingt nicht allzu sexy. Andererseits bin ich rasiert und die Gesichtserkennung der Handykamera hat mich beim Selfie mit Baby drei Jahre jünger geschätzt. Besser wird es so schnell nicht. Also los jetzt. Das aufgerufene Zubettbringprogramm für Zweijährige hat zwar hier und da längere Ladezeiten und stürzt einmal beinahe ab, funktioniert aber. Zwanzig Minuten später ist das Ganze abgehakt. Bleibt das Baby und die beiden Großen. Kurzer Blick auf die ellenlangen Beine der schönen Frau, die gerade etwas in den Familienkalender einträgt. Mannmannmann!

Irgendein Kind quatscht in das Synapsenrauschen rein, das von der lebhaften Vorstellung erzeugt wird, wie meine Liebste ihren Slip abstreift.

«Blablablabla, Papa! Papaaaaa!» Hmm? Der Tonfall klingt flüchtig danach, als wäre meine Zustimmung verlangt. «Könnte sein.» nuschle ich. «Was?!» entrüstet sich mein Neunjähriger. «Was?» frage ich. «Rrrrrrrääää!» stellt mein Baby fest. «Was machen wir eigentlich gerade in deinem Kopf?» erkundigt sich meine Frau. «Wir fangen schon mal ohne uns an.» erwidere ich. «Ja wann denn nun?» fährt mein Neunjähriger aufgebracht dazwischen. «Wann fängt morgen meine Handball-AG an?»

Nachdem die Liebste das Baby ins Bett gebracht hat, sitzen wir beide unsere Zeit ab, bis die Großen endlich auch schlafen gehen. Einmal kurz nach den Nachrichten und einmal kurz vor Neun. Ich bekomme allmählich Gesichtsmuskelkater vom Vorspielmorsen mit den Augenbrauen. Dann endlich sind alle im Bett, und wir haben das Wohnzimmer für uns allein. Muahahahaha, jetzt geht aber … gar nichts. So weit wie möglich liegen wir voneinander entfernt auf dem Sofa und versuchen nicht so auszusehen, als würden wir gleich was Tolles ohne Kinder machen. Wir kennen ja unsere Pappenheimer. Die Große holt sich noch mal was zu trinken und sieht uns dabei misstrauisch an. Zwölf Minuten später packt ihr Bruder im Hausflur «noch schnell» sein Schwimmzeug. Die Kleine schreit, weil sie im Schlaf ihren Schnuller verloren hat. Die Uhr tickt. Bis Zehn wird sich das alles beruhigt haben, sagt das Nasekräuseln meiner Frau. Ich stimme ihr augenreibend zu. Zehn Uhr fällt die Entscheidung. Dann ist entweder Go-Time oder Todeszone. Für Go-Time wären wir verantwortlich. Für die Todeszone Netflix. Denn auch wenn man richtig heiß aufeinander ist und die Frau einen mit einem Haarewuscheln gerade gefragt hat, wann man denn bitteschön das letzte Mal ihre Pussy geleckt hätte, sind Schlafmangel, unterhaltsame Serien, körperliche Erschöpfung und Comedy Specials allgegenwärtig ...

Wie der Abend weiter verlief und ob es doch noch zum Liebesakt kam, lesen Sie in Séparée No.14.

 

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