Mit dem Superspreader im Bett

Was wenn die vermeintliche Blasenentzündung doch keine ist?

Vor lauter Pandemie geraten andere Infektionskrankheiten in den Hintergrund. Unsere Autorin wurde unsanft daran erinnert.

 

Text: Sarah Kessler
Fotos: zakalinka/stock.adobe.com

Ich war wenige Monate von meinem Exmann getrennt, als mir meine Frauenärztin mitteilte, dass ich Chlamydien habe. Zugegeben, zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich häufiger wechselnde Sexpartner. Okay, dachte ich: Das ist also die Strafe des Universums dafür, dass ich meine (weibliche!) Sexualität auslebe. Ich fühlte mich wie Miranda (in der 6. Folge der 3. Staffel von „Sex and the City“) und bereitete mich auf den Spießroutenlauf vor, meinen Sexpartnern die Botschaft zu übermitteln.

Während ich diese Zeilen tippe und mich dabei an den Moment zurückerinnere, als ich den Brief meiner Frauenärztin mit den Worten: „Bitte rufen Sie uns an!“ aufmachte, fällt mir auf, dass mein nächster Vorsorgetermin bereits einige Wochen überfällig ist. Ich unterbreche also kurz, um eben diesen Termin zu vereinbaren. 30 Sekunden später ist es erledigt. Wem es beim Lesen gerade genauso geht: Finger in die Seite dieses fantastischen Magazins, Handy zücken und los! Jetzt! Ganz ehrlich, man sollte das nicht auf die leichte Schulter nehmen! Warum ich so auf dem Vorsorgetermin rumreite? Viele Geschlechtskrankheiten sind sehr lange symptomlos. So war es auch bei meinen Chlamydien, von denen ich nur durch einen ganz normalen Routinetest beim halbjährlichen Besuch bei meiner Gynäkologin erfahren habe. Bis heute weiß ich nicht genau, von wem ich diese Mistdinger übertragen bekommen habe. Ehrlicherweise weiß ich nicht einmal hundertprozentig, ob ich tatsächlich mit dem Superspreader im Bett war oder ob ich mich (mit quasi der gleichen Wahrscheinlichkeit, wie im Lotto zu gewinnen) auf einer öffentlichen Toilette infiziert habe. Dafür weiß ich jetzt eine ganze Menge mehr über Geschlechtskrankheiten. Zum Beispiel, dass Kondome zwar den effektivsten Schutz gegen Chlamydien, Tripper und Co. bieten, aber auch keine abschließende Sicherheit gewährleisten können. Regelmäßige Tests sollten also bei jedem sexuell aktiven Menschen zur Routine gehören. In der Lebensrealität ist das jedoch mit Nichten der Fall.

Während bei Frauen unter 25 Jahren Chlamydia-trachomatis-Screenings zu jeder guten Vorsorgeuntersuchung dazu gehören, endet die Kostenübernahme der gesetzlichen Krankenkassen nach Vollendung eben dieses Lebensjahres. Weshalb das so ist, bleibt rätselhaft und so kann ich nur mutmaßen. Allerdings liegt die Vermutung nah, dass dieser Regelung die Annahme zu Grunde liegt, dass Frauen ab Mitte 20 keine wechselnden Sexpartner:innen mehr haben (sollen?) und sich bereits mit dem einen (vorzugsweise männlichem) Partner ein Nest gebaut haben. Andere Lebens- und Liebeskonzepte bleiben dabei leider – mal wieder – außen vor. Eine Ausnahme gibt es von dieser Grundregel aber: Die Gynäkologin kann bei einem bestehenden Verdacht einen Test durchführen, der dann auch von der Kasse übernommen wird. Von dieser Möglichkeit sollte auch dringend einmal jährlich Gebrauch gemacht werden. Beim nächsten Termin bei der Frauenärztin also unbedingt diese auf das Screening ansprechen und bitten, das Verdachtsmoment zu vermerken.

Wie schaut’s in dieser Hinsicht bei den Männern aus? Die Möglichkeit der zufälligen Entdeckung einer Infektion ist äußerst gering, denn der Gang zur Vorsorgeuntersuchung beim Urologen wird Männern erst ab dem 35. Lebensjahr empfohlen und findet dann auch nur sehr sporadisch statt. Männer werden von unserem Gesundheitssystem also strukturell weniger in die Verantwortung genommen, sich mit ihren Geschlechtsorganen (und somit auch implizit mit dem Thema Geschlechtskrankheiten) zu befassen. Klingt doppelt unfair? Ist es auch! Denn solange es bei Männern keine Symptome gibt, die auf eine Infizierung hinweisen, ist der einzige Weg, durch den sie von einer potenziellen Erkrankung erfahren, der, dass die Sexpartnerin ihn über die eigene Diagnose informiert. Wo wir schon beim nächsten Thema wären: die Meldepflicht.

In Deutschland gibt es grundsätzlich keine Meldepflicht einer Chlamydien-Infektion. Etwas anderes regelt ausschließlich die Meldeverordnung von Sachsen. Dort gilt eine nichtnamentliche Meldepflicht. Das heißt, rechtlich muss niemand informiert werden. Der medizinische Rat sieht da jedoch (zurecht!) anders aus. Hier gilt die Faustregel, alle Sexpartner:innen der letzten drei Monate zu kontaktieren. Und genau das legte mir auch meine Ärztin ans Herz. Na, das konnte ja lustig werden!

Nachdem ich mich mit einer Tüte Chips und einem Glas Aperol in meinem Bett verkrochen hatte und die bereits erwähnte „Sex and the City“-Folge schaute, nahm ich mir an Miranda ein Beispiel und kratzte meinen ganzen Mut zusammen, um meine damalige Liebschaft zu informieren. Mit hochrotem Kopf berichtete ich von der Situation und bat ihn, auch einen Test beim Urologen zu machen. Seiner war allerdings negativ. Einerseits schön, offensichtlich hatten wir wirksam verhütet, andererseits bedeutete dies aber für mich, dass ich die Botschaft nun weiter an jüngst Verflossene verbreiten durfte. Und so klapperte ich die Liste der Dates aus den letzten drei Monaten ab und schickte ein Stoßgebet an Aphrodite, dass meine Trennung von meinem Exmann gerade etwas mehr als eben diese drei Monate zurücklag und ich nicht auch noch in dieses Fettnäpfchen treten musste, ihn zu informieren. Wie eingangs erwähnt: Mein Mut blieb unbelohnt. Ich weiß bis heute nicht, woher ich mir diese Mistviecher von Mikroben eingefangen habe.

Der Mann und ich nahmen also das verschriebene Antibiotikum, desinfizierten unsere Sextoys akribisch, denn auch hier steckt ein unüberschaubares Übertragungsrisiko, und hatten bis zur Beendigung der Einnahme des Medikaments nur Oralsex bzw. Handjobs. Chlamydien können sich zwar im Rachen ansiedeln, lösen dort aber keine Erkrankung aus und verschwinden einfach wieder von selbst. Und damit war dieses Kapitel meiner sexuellen Erfahrungen auch wieder geschlossen.

Was ich daraus gelernt habe? Bei wechselnden Sexualpartner:innen niemals Sex ohne Kondom. Da diese zwar einen sehr guten, aber immer noch keinen 100%igen Schutz bieten können, bitte ich nun regelmäßig bei den Vorsorgeuntersuchungen um die Durchführung des Screenings, denn die allermeisten sexuell übertragbaren Krankheiten können leicht und wirksam mit Antibiotika behandelt werden. Bleiben sie jedoch unentdeckt, können sie schwere gesundheitliche Schäden hinterlassen. Um Geschlechtskrankheiten keine Chance zu geben, muss aber auch mehr darüber geredet werden. Noch immer ist die Infizierung gesellschaftlich mit Scham behaftet. Begleiterscheinungen werden deshalb gerne unter den Teppich gekehrt. Der Weg ist also noch weit, denn hier gilt wie überall: Aufklärung ist die beste Prävention!

 
 

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in Séparée No.29.

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