Günstiges Männerglück so fern

Sextourismus ist ein Wohlstandsphänomen – gekaufte Liebe, die man sich auch mit kleinerem Geldbeutel leisten kann, so wie der Rentner Jürgen Hensgen.

Günstiges Männerglück so fern:

Drei Jahre noch, dann war’s das. Nicht dass Jürgen Hensgen einen entsprechenden ärztlichen Befund bekommen hätte. Er ist nicht schwer krank, aber sein Bauchgefühl sagt ihm, dass das Ende naht. Ergänzende Hinweise zum „Wo“ und „Wie“ kommen von den „himmlischen Freunden“. Eine Spur Esoterik ist da im Spiel und erklärt auch andere Auffälligkeiten im Leben des Rentners. Was das „Wo“ angeht, so macht er sich seit 2020 wegen der sich ständig ändernden Reisebeschränkungen ernsthaft Sorgen.

Jürgen war 63 und daheim noch als Taxifahrer tätig, als er 2012 erstmals nach Thailand eincheckte. Die vorausgegangenen Wohnmobilreisen durch Zentralasien hatten immer mit der Erkenntnis geendet, sein Traumland müsse woanders liegen. Der entscheidende Wink kam von einem Leser seines Reiseforums. „Als ich dann zum ersten Mal in Bangkok landete, wollte ich sofort wieder nach Hause. Im Bus nach Pattaya hat mir die Weltsicht eines deutschen Mitreisenden noch den Rest Nerven geraubt“, erinnert er sich. Aber der erste Kontakt zu einer Einheimischen stimmte ihn um.

Was braucht es für eine solche Kehrtwende? Strände sind diesem Mann egal, imposante Architektur verzichtbar, historisches Gewicht nicht weiter von Belang, kulinarische Verlockungen willkommen, aber nicht zwingend erforderlich. Was vielmehr zählt, ist weiblicher Natur. Vorzugsweise sind es Frauen, die nicht Stunden um den heißen Brei reden, bevor Tacheles erlaubt ist. Europäische Destinationen bieten so etwas zumindest dann nicht, wenn beim Mann gewisse Parameter das Ideal verfehlen: Alter, Potenz, Bankkonto, Einfluss. Klischee? Schon möglich. Aber auf Erden doch verdammt nah an der Realität.

Damals also, 2012, nahm Jürgens Leben eine exotische und gleichzeitig betrübliche Wendung: „Er stand nicht mehr, wenn ich es wollte, sondern führte sein eigenes, oft ziemlich schlaffes Regiment.“ Gegen die Tyrannei der Schwellkörper verordnete Jürgen sich pharmazeutische Druckmittel, weil der Kopf wie eh und je auf Nähe pochte. Dieses seltsame, belastende Zusammenspiel lernen viele Männer kennen, nicht selten kommt es etwa zeitgleich mit dem Rentenbescheid. Plötzlich scheint die Attraktivität jüngerer Frauen zuzunehmen, weil deren optische Reize schneller in verborgene Winkel der Libido vordringen und eine Reanimation der Männlichkeit vorgaukeln. Allerdings geht damit soziale Ächtung einher: Wer nach diesem letzten Strohhalm greift, kann sein T-Shirt gleich mit „Geiler alter Bock“ bedrucken lassen.

Als solcher hat Jürgen nun 15 Reisen hinter sich und insgesamt 18 Monate in Thailand verbracht. Doch vom Land hat er kaum mehr gesehen als Pattaya, jenes Fischernest der 60er Jahre, das zur südostasiatischen Vergnügungsmeile mit gewissem Extra emporgeschnellt ist. Auch mit der kulturellen Ignoranz, die da aufscheint, macht man sich keine Freunde. Aber gut, wozu braucht man Freunde, wenn es andere Ablenkung gibt? Als Taxifahrer hatte Jürgen ohnehin gelernt, dass soziale Kontakte auch belastend sein können. Darum dauerte es eine Weile, bis er sich in Pattaya um Austausch mit Deutschen bemühte. Inzwischen besucht er dort manchmal das deutsch angehauchte Café Benjamit, teils wegen Kaffee und Kuchen, teils wegen Abwechslung und Atmosphäre. „Ein bisschen fühle ich mich dort wie auf einer spanischen Plaza Mayor.“

Mit Buchführung und Tagebucheinträgen vergeht so manche seiner südostasiatischen Stunden. Die akribisch geführte Statistik könnte zugleich Schlüsselwerk für Quereinsteiger sein: 500 Baht Strafe muss zahlen, wer in eine öffentliche Toilette reihert (und sich dabei erwischen lässt). Für den gleichen Satz, umgerechnet 13 €, gibt es einen Quickie ohne Extras. Auf 3.000 Baht klettert die Rechnung, wenn die Dame bis zum Frühstück bleibt – sofern sie nicht mit außergewöhnlicher Schönheit gesegnet ist und im Bewusstsein ihrer Qualitäten den Preis an die Schmerzgrenze treibt. Hensgens Aufwendungen belaufen sich im Langzeitmittel auf 160 € täglich für Essen, Getränke und Vergnügen, dazu Flug und Unterkunft. Und weil der bekennende Sextourist auch die Erfolge geflissentlich notiert, kann er im Laufe der Jahre 122 unterschiedliche Bettbegegnungen verbuchen, davon vier Sessions mit Ladyboys. Wie zur Entschuldigung ergänzt Jürgen, dass es zwischenzeitlich eine Dauerbeziehung gab, die den Schnitt drückte, auch wenn sich mal eine Ménage à trois oder ein Vierer untermischte.

Mit den Jahren hat er Geschichten gesammelt, die er gern erzählt, sobald ein passendes Stichwort fällt. Da der schwerhörig ist, reicht es manchmal schon, wenn jemand Teilchen statt Thailand gesagt. Dann sprudelt es aus ihm heraus. Es sei so etwas wie missionarisches Sendungsbewusstsein, er wolle Gutes tun und von Dingen berichten, die nach seinem Verständnis jedem Menschen Glücksgefühle bereiten müssten. Verschriftlich hat er seine Erlebnisse als Lebenswerk aus der Schnelldruckerei. „Unbill & Quatsch“ gibt es als Adult-Version und jugendfrei mit entschärfter Bebilderung. Beim Text lässt Jürgen die Zensur aber schon mal Zensur sein und gibt durchaus humorig Einblicke in den Alltag eines alternden Lustmolchs: „War mit Ning in einer Shopping Mall, wo sie diese Tuben gekauft hat. Ich dachte, alle seien für sie. Dass ich zahlen musste, hieß ja nicht, dass sie auch für mich bestimmt waren. Aber offenbar hatte meine Freundin vor, mich zu verschönern und zu verjüngen, u.a. mit einer Anti-Wrinkle-Creme. Das passt nicht, habe ihr daher gekündigt. Das ist ja das Angenehme an bezahlten Beziehungen, beide können fristlos kündigen.“

Was ist die dunkle Seite seiner Begeisterung? Dass es gelogen sein könnte, wenn eine gekaufte Freundin von Liebe spricht? Nun ja, in einer herkömmlichen Beziehung gibt es schließlich auch keine Garantie für die Echtheit von Gefühlen. Jürgens Gegenwert für die kleinen Unwahrheiten sieht so aus: Er kann sich jeden Tag neu verlieben und ist glückselig, diesen Herd immer wieder entfachen zu können, während gängige Partnerschaften stets mit dem Risiko rascher Ernüchterung ringen. Worauf sein Gefühlsbarometer reagiert, kann er nie voraussagen. Landläufige Schönheit oder jugendliches Alter sind es jedenfalls nicht. Die Damen sollten umgänglich sein, zum Schmusen bereit, Verliebtheit zumindest glaubhaft vortäuschen können und gut drauf sein, damit nicht allein die Nacht, sondern auch der Abend davor Spaß macht. In deutschen Absteigen gibt es das nicht, da erschöpft sich der Besuch damit, dass die Dame ihr berüchtigtes „Piccolöchen“ zum Mondpreis bestellt und dann unverblümt Desinteresse zur Schau trägt.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in Séparée No.29.

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