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Schnitt im Schritt

separee
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Alex Todorov

Ein kleiner Schnitt für den Mann, ein großer Schnitt für die Menschheit. Ein JOYclub-Mitglied hat den Eingriff gewagt und sich sterilisieren lassen. Der Grund? Ein letztlich anderer als noch beim ersten Gespräch darüber mit seiner Frau. Denn in einem Jahr ist eine Menge Bewegung in seine 20-jährige Ehe gekommen. Sein Weg zur Vasektomie und in ein neues Sexleben.

  • Text: Alex Todorov
    Fotos: RyanMcGuire_Pixabay, Michael Tieck/stock.adobe.com

Das Geständnis

Im September 2019 bemerke ich Veränderungen an meiner Frau. Marie ist lebendiger und offener. Vor allem im Bett. Statt zweimal im Monat haben wir alle zwei Tage Sex, machen Sachen miteinander, die wir seit Jahren nicht mehr angestellt haben – ich bekomme endlich wieder einen Blowjob – und probieren gänzlich neue Praktiken. Wir tauschen uns sogar freimütig über unsere Fantasien aus. Neuland!

Woher diese Veränderungen kommen? Jede Frau, die das liest, hat wahrscheinlich eine recht klare Idee, was da vor sich geht. Bei mir will der Groschen nicht fallen. Ich genieße naiv, statt zu kritisch hinterfragen.

Wir sind seit Mitte der 1990er zusammen und seitdem die einzigen füreinander. 25 Jahre Exklusivität. Dann das Geständnis, als ich sie am Handy ertappe. Ein Mann hat ihr Avancen gemacht. Sie gibt ihm ihre Nummer. Der Beginn eines expliziten Sex-Chats zwischen den beiden. Der komplimentreiche Austausch mit dem Dirty-Chatter hat ihren Marktwert neu taxiert, ihr das Gefühl gegeben, begehrt zu werden, ihr eine Sichtbarkeit als attraktive Frau verliehen. Ich kann ihr nicht verübeln, nach 25 Jahren Beziehung dafür empfänglich zu sein.

Die Öffnung

Nachdem meine Bestürzung sich gelegt hat, tauschen wir uns nun noch intensiver aus. Über uns. Unsere Lust. Unsere Fantasien. Unsere Beziehung. Nach vielen ausführlichen und schonungslosen Gesprächen über Wochen hinweg, manche davon tränenreich, entscheiden wir, unsere Beziehung für Sex mit anderen zu öffnen. Gleichzeitig sind wir uns so nahe wie seit vielen Jahren nicht mehr. Sie möchte mit dem Chatter schlafen. Noch im Januar hat sie ihr Sex-Date mit ihm. Nachdem wir zusammen frühstücken, bricht sie zum verabredeten Ort auf. Überraschend gelassen verlebe ich die anderthalb Stunden, die sie das erste Mal in ihrem Leben mit einem anderen Mann schläft.

Als sie zurückkommt, ist sie glücklich. Und unendlich dankbar für die Erfahrung. Mein erstes Mal mit einer anderen Frau lässt bis April auf sich warten. Ich mache eine ähnliche Erfahrung wie Marie. Es ist gut, aber auch auswärts wird nur mit Wasser gekocht. Für mich gilt: Sex mit anderen Frauen ist belebend. Mit meiner Frau ist der Sex am schönsten.

Die Vasektomie

Marie hatte schon Monate vor der Chatter-Nummer einmal eine Vasektomie ins Spiel gebracht. Hintergrund damals: die körper- und wesensverändernden Nebenwirkungen der Pille. Jahrzehntelang schulterte Marie die Last der Verhütung alleine – wie die meisten Frauen –, und das mit all den einhergehenden Belastungen. Die Idee einer Vasektomie war naheliegend als auch nachvollziehbar. Kurz musste ich in diesem Gespräch an unseren Kater Moritz denken, der nach seiner Sterilisation ruhiger und verschmuster geworden war. Maries Vorstoß versandete indes bald im Alltag.

Die offene Beziehung stößt die Option einer Vasektomie nun unter anderen Gesichtspunkten neu an. Das denkbar schlechteste Szenario: Sie wird schwanger von einem Dritten bzw. ich schwängere wider Willen eine Dritte. Wir wollen zusätzlich zum Kondom eine weitere Sicherheit, da wir schon mehrere Kondomplatzer miteinander hatten. Für Marie ist das Absetzen der Pille mittlerweile keine Option mehr. Sie fragt, wie ich mittlerweile zu einer Vasektomie stehe. Keine zwei Wochen später sitzen wir Mitte Juli vor einem uns empfohlenen Urologen und lassen uns beraten.

Das Vorgespräch

In völlig entspannter Atmosphäre folgen wie an einem Donnerstagmorgen den Ausführungen des Arzt. Es ist auf angenehme Art ein Verkaufsgespräch. Unseren Grund für die Vasektomie – Verhütung vor dem Hintergrund einer offenen Beziehung – bringe ich nicht an. Ich traue mich nicht. Das vermeintliche Absetzen der Pille muss als Grund herhalten.

Der Arzt erzählt von seiner jahrzehntelangen Erfahrungen und hat laut eigener Aussage allein in diesem Jahr bis Juli schon 100 Vasektomien durchgeführt. Er führt mich durch das Operationsprozedere und schildert den Zielzustand: Spermien werden nach der Vasektomie weiterhin produziert, gelangen aber nicht ins Ejakulat. Der Körper baut sie innerhalb des verödeten Samenleiters ab. Spermien machen ohnehin weniger als ein Prozent der Ejakulatsflüssigkeit aus. Ich habe dann quasi noch Munition – wenn auch nur noch Platzpatronen.

Effektiv trocken bin ich erst ein paar Monate nach dem Eingriff. Ein Faktor dabei ist, wie oft nach der OP durchgespült wird, sprich wie oft ich komme.

Abschließend klärt er mich über die Risiken und deren Eintrittswahrscheinlichkeit auf: von Narkoseunverträglichkeit über Hämatome bis Hodenverlust. All das ruhig, abgeklärt, sicher. Den lasse ich gerne mit einem Schneidewerkzeug zwischen meine Beine. Marie und ich nicken uns gen Ende des Gesprächs zu wie wir es sonst vor dem Kauf eines Autos getan haben. Hier ist es zwar eher das Pimpen eines Gebrauchten als der Kauf eines Neuwagens, aber: Klingt gut, fühlt sich richtig an, machen wir.

Mit zwei ausgefüllten Anamnesebögen, einen für die OP, den anderen für die Anästhesie, komme ich am Tag darauf abermals in die Praxis. Zwecks Blutabnahme und Voruntersuchung der Genitalien. Der Arzt beantwortet meine neu aufgekommenen Fragen und wir legen den nächsten Dienstag als OP-Termin fest. Vier Tage also bis V-Day.

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Wie Operation und Heilung verliefen und welche Erkenntnisse sich daraus ergaben, lesen Sie in Séparée No.27.

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