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Retro-Prüderie

separee
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Ute Cohen

Tannengrüne Samtsofas, orange-lila Tapeten, Sideboards mit Teakfurnier, Songs, die direkt aus der Abbey Road stammen könnten – fast ist es, als seien wir von Kopf bis Fuß auf Retro eingestellt. Selbst der Futurismus der Raumschiff Enterprise-Ära erlebt ein Revival in auf Sixties getrimmten Weckern und Radios. Der ästhetische Eskapismus macht selbst vor unseren Schlafzimmertüren nicht halt. Chantal Thomass und Fifi Chachnil stecken uns in Korsetts, verzieren uns mit Polyester-Rüschen, als habe es die sexuelle Revolution nie gegeben.

  • Text: Ute Cohen
    Illustrationen: ArtsyBee - www.pixabay.com

Foodporn statt Tits’n Ass

Jedem Tierchen sein Pläsierchen, mag man da noch abwinken. Es gibt schließlich Wichtigeres als Nostalgiefetisch und Netflix-Hommagen an vergangene Dekaden und pomadige Mad Men. Solange wir Spaß dabei haben! Mit dem Verkleiden und ´nem Rollenspiel ist es aber nicht getan, Mesdames, sag ich da gestreng, denn längst hat das Rückwärtsgewandte nicht nur unsere Kleiderschränke, sondern auch unsere Gehirne gekapert. Retro nicht nur als Blick zurück, sondern als Zwang zur Umkehr. Wenn selbst die BILD-Zeitung keine barbusigen Girls mehr ablichten will, da viele Frauen und – wer weiß? – auch Männer in vorauseilendem Gehorsam diese Bilder als „kränkend und herabwürdigend empfinden“, schwant mir nichts Gutes. Einspruch? Bad Taste müsse schließlich nicht bis in alle Ewigkeit zelebriert werden? Kann man gelten lassen, aber auch Helene Fischer und Leoparden-Leggins haben eine Daseinsberechtigung. Schlechten Geschmack kann man dem Playboy-Magazin hingegen nicht unbedingt nachsagen. Demarchelier, Paul Ripke ... Die Liste der Starfotografen, die Erotik kunstvoll in Szene zu setzen wissen, ist lang. Dennoch kündigten die Amerikaner feierlich die Abkehr von der „sexuellen Revolution“ an. Foodporn und Welpen-Instas haben Tits ´n Ass längst den Rang abgelaufen. Mit Nacktheit macht man heute keinen Staat und schon gar keine Auflage mehr. Und auch in Deutschland sieht’s nicht besser aus: 2017 musste sich der Deutsche Werberat mit 1389 Beschwerden zu Geschlechterdiskriminierung und Sexismus beschäftigen.

Innocent on the outside but freaky as fuck on the inside

Andererseits ist Sex immer noch der Clickbait Nummer 1. Nichts reizt mehr zum Social Sharing, nichts versetzt mehr die Gemüter in Wallung als S.E.X., durchdekliniert bis ins letzte Schamhärchen. Im stillen Kämmerchen, das Gesicht pixelblau beleuchtet, sitzen wir dann doch vor den Laptops und klicken uns durch Websites mit sexuell explizitem Inhalt. „Adults Only“ heißt das Signal und schon brennen uns die Synapsen durch. Wie aber kommt’s, dass wir nach außen hin immer braver werden und abgeschirmt des Nachts zu Pornaddicts mutieren? Es ist das typische „Innocent-on-the-outside-but-freaky-as-fuck-on-the-inside“-Phänomen. Wie auf dem berühmten Retro-Pin-up-Bild mit der properen Hausfrau mit adrettem Haar im grünen Kleid und weißem Schürzchen verhalten wir uns widersprüchlich. Prüderie ist das Stichwort. Die Schere zwischen zunehmend tabuisierter Öffentlichkeit und unserem ganz privaten Sodom und Gomorrha klafft immer weiter auf. Die `68 schweißtreibend ervögelte Freiheit scheint sang- und klanglos zu verschwinden oder nur noch blutleer im virtuellen Raum dahinzuvegetieren. Es sind paradoxe Verhältnisse: Jetzt, wo alles erlaubt, alles erkundet und ausgekostet werden kann, verkümmern Libido und erotisches Savoir-faire. Das Animalische wird wieder zu einer Bedrohung, an der sich ein neuer Puritanismus entzündet.

Geburtsstunde der Prüderie

Gänzlich neu ist die derzeitige öffentliche Verklemmtheit allerdings nicht. In der Geschichte der Menschheit gab es seit jeher ein Wabern und Wogen der Weiblichkeit und der Begierden. So beauftragte im sechzehnten Jahrhundert Papst Paul IV. Daniele de Volterra, die nackten Figuren in Michelangelos „Das Jüngste Gericht“ zu verhängen. Das Konzil von Trient bedeutete endgültig die „Geburtsstunde der Prüderie“. Im Manierismus spalteten sich die Gefühle gegenüber Erotischem schließlich vollends auf: Außen hui und innen pfui. Diese Heuchelei setzte sich im viktorianischen Zeitalter uneingeschränkt fort. Jede naturalistische Darstellung des Körpers galt nun als moralisch verwerflich. Nur die Abbildung durch anerkannte Künstler adelte das sündige Fleisch, befreite es vom Ruch des Unreinen. Dass Prostituierte Modell saßen, tat nichts zur Sache, wenn Königin Viktoria dem Herrn Gemahl jedes Jahr zum Geburtstag als Symbol ihrer reinen Liebe einen Akt offerierte. Nach einer Phase der Verschlossenheit folgten immerhin aufklärerische Perioden. Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch spricht von drei sexuellen Aufklärungen: Die erste um 1905 forderte den offenen Blick auf Nacktheit, das Recht auf Onanie und Abtreibung. Die Sechzigerjahre – Oswald Kolle lässt grüßen – propagierten freie Liebe und offene Beziehungen, und in den folgenden Jahrzehnten entfesselte sich eine Anything-goes-Sexualität. Homo-, Trans-, Cis-Sexualität, Cybersex, BDSM, Zoophilie ... Fast nichts liegt mehr außerhalb des Akzeptierten, und doch scheint Sexualität keinen echten Kick mehr zu bieten. Die Zeichen mehren sich, dass das sexualliberale Zeitalter wieder in der Versenkung verschwinden könnte.

Selbst die Kunstskandale verdienen ihren Namen nicht mehr. Als Jonathan Meese vor fünfzehn Jahren in Zwickau Holzkreuze, Pornos und kopflose Schaufensterpuppen ausstellte, sprach man vom „Zwickauer Porno-Skandal“. Sogar die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Verstoßes gegen §184 StGB (Verbreitung pornografischer Schriften). Dagegen sind die Verbannung von Waterhouses „Hylas und die Nymphen“ ins Depot des Museums von Manchester oder die Verschleierung von High Heels oder Ärschen mit Pommes in Berlin und Göttingen alberne Bagatellen ...

Weiter im Text, u.a. über Natursekt auf den Pfeilern der Tugend und narzisstischen Befindlichkeitsrausch, geht es in Séparée No.18.

 

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