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Hatten wir jetzt eigentlich Sex miteinander?

separee
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Aurelia Glück

Ausgehungert nach intimer Berührung und körperlicher Liebe erhält unsere Autorin von einer Freundin ein unerwartete Geschenk.

  • Text: Aurelia Glück
    Fotos: © stasnds - Fotolia.com, © Alta Oosthuizen - Fotolia.com

Seit fünf Jahren bin ich solo. Mein Exmann ging, als unser Mädchen noch ein Baby war. Er zog zu seiner Freundin. Damit hatte ich nicht gerechnet, hatte ihn immer für einen dieser treudoofen Hündchen gehalten, weil er mit großen Augen ständig um Liebesbeweise buhlte. Seine Metamorphose begann, als ich ein halbes Jahr lang meine Aufmerksamkeit von ihm abziehen musste, um unser Baby zu versorgen. Da wurde aus dem süßen Faltenhund ein Bullterrier, der wild um sich biss. Hund bleibt Hund, dachte ich und selbst als er sich immer öfter mit seiner „alten Freundin“ traf, genoss er mein absolutes Vertrauen. Nun, es zeigte sich, dass die Andere bessere Leckerlis in der Tasche hatte und so wurde sie die neue Freundin und Ehefrau Nummer vier.

Die ersten Jahre allein mit Kind waren kräftezehrend. Dunkle Augenringe haben in unzähligen wachen Nächten Besitz von meinem Gesicht ergriffen. Ich grinse sie ins Abseits, so oft mein erschöpfter Blick in den Spiegel es zulässt und danke Gott für das schönste Geschenk meines Lebens: Mutter meiner wunderbaren Tochter zu sein. Nicht im Traum käme ich auf die Idee, mir einen neuen Mann zu suchen. Mein Vertrauen in meine Menschenkenntnis – pardon – Hundekenntnis ist mit den Shitstorm-Emails meines Exmannes den Bach runter gegangen. Und ich brauche ja auch keinen Mann, bin in die Haut einer emotional unabhängigen Frau hineingewachsen. Gut, sie schlabbert noch ein wenig, aber ich wachse ja noch.

Manchmal vermisse ich die Intimität, die es nur zwischen Liebenden gibt. Die Gesten der Verbundenheit und Blicke, die nur Menschen verstehen, die zueinander gehören und pikante Geheimnisse teilen. Wenn ich in der Badewanne liege, erinnere ich mich für einen kurzen Moment daran, wie es sich anfühlt, im warmen Wasser zu dösen und zärtlich das Haar gewaschen zu bekommen oder tagträume so vor mich hin, nackt auf dem Balkon in der Sonne zu liegen und den Duft in meine Nasenflügel einzusaugen, der den geöffneten Poren meines Geliebten entströmt, wenn seine Haut gerade beginnt zu schwitzen. Manchmal brachte mich die Rührung nach Momenten tiefer Vereinigung vor Glück zum Weinen, so wunderbar war das.

„Die Sternstunden meiner sexuellen Erfüllung verblassen mehr und mehr. Dass der Körper nichts vergisst, gleicht mehr einer Heimsuchung“, erzähle ich meiner Freundin, die Tantramasseurin und Sexualberaterin ist. Unvermittelt umarmt sie mich und streichelt mir den Rücken, so liebevoll und sanft, dass ich zerfließe wie Butter in der Mikrowelle. „Ich möchte dir ein Geschenk machen, wenn du es annehmen magst“, haucht sie mir ins Ohr. „Komm auf meine Tantra-Insel und lass dich verwöhnen. Du brauchst nichts zu tun. Leg dich einfach einmal hin und lass dich zwei Stunden lang von mir beschenken.“

Das hat sie schon einmal gesagt, doch damals konnte ich nur daran denken, dass sie meine Freundin aus Kindertagen ist und Sex da irgendwie nicht in Frage kommt. Erstaunt höre ich mich flüstern: „Wann und wo?“. Ich kann mir das nur so erklären, dass meine Zunge sich verselbständigt hat. Doch es stimmt. Mein Körper will wieder erfahren, wie es sich anfühlt, am ganzen Körper berührt und liebkost zu werden. Ich will wissen, ob ich es überhaupt noch annehmen kann, körperliche Liebe zu erfahren. Es ist schon so lange her.

Wir treffen uns also in ihrer neuen Wohnung und als erstes fällt mir auf, dass alle Türen bis auf eine verschlossen sind. Wir kennen uns seit der sechsten Klasse, aber ich spüre, dass sie heute die Räume unserer gemeinsamen Kindheitserinnerungen in sich verschlossen hat und nur ein einziger Raum offen steht, den ich noch nie betreten habe.

In dem kleinen Raum liegt eine große Matratze auf dem Boden, die mit hübschen Tüchern bedeckt ist und auf einem kleinen Tischchen stehen zwei Teetassen. Sie trägt ein Tuchkleid und sonst nichts. Wir besprechen den Status quo. „Wie geht es dir heute? Was wird, was kann, was darf in den nächsten zwei Stunden passieren?“ Anja ist heute wirklich sehr professionell unterwegs. Auch sie ist in eine andere Haut geschlüpft.

Gespannt und etwas nervös übergebe ich mich ihrer Führung. Ich soll zuerst duschen gehen, was an sich schon eine Wohltat ist. Bitte, das ist jetzt nicht falsch zu verstehen. Ich dusche schon regelmäßig, doch normalerweise gehe ich dabei die To-do-Liste des Tages durch. Heute zelebriere ich meine Waschung und komme dann in ein buntes Tuch gewickelt ins Tantra-Zimmer zurück.

„Ich würde jetzt gern ein Umarmungsritual mit dir machen“, sagt sie.

„Oh Gott, nein, erspare mir das bitte. Sonst heule ich dir den Teppich nass.“ Ich will ja etwas Neues erleben, etwas, das ich noch nicht kenne.

„Dann mach es dir doch auf der Tantra-Insel bequem“, lacht sie.

Lange Atemzüge, Schweigen und die Bereitschaft zu empfangen erfüllen mich, während sie beginnt, meine Gelenke sanft in die Matratze zu drücken und in lieben Worten erzählt, was sie tun wird. Wann habe ich zum letzten Mal einfach passiv sein dürfen? Ich bin froh, dass Anja eine Frau ist, die zur eigenen Lustbefriedigung Männer vorzieht. Ich fühle mich sicher und erlebe seit Jahren, dass ich wirklich überhaupt nichts tun muss. „Du darfst jetzt einmal nur nehmen. Diese Zeit ist ganz allein für dich. Gib mir ein Zeichen, wenn du etwas nicht möchtest. Und genieße, was ich dir schenke.“ Damit kann ich guuuut leben.

Nachdem sie mich entkleidet hat, ölt sie mir den gesamten Körper ein und massiert mich mit einem Öl, das süß und blumig duftet. Leise Musik trägt meine Atemzüge an einen fernen Sehnsuchtsort. Die Schalter des Empfangsmodus sind gedrückt.

Wie eine Schlange streicht sie mit ihren Händen und Armen an meinem Körper entlang. Haut auf Haut, von einem duftenden Ölfilm getragen. Sie gleitet von den Füßen zu meinem Bauch und an den Brüsten vorbei, über meine Achselhöhlen zu den Innenseiten meiner Arme, bis zu den Fingern. Sie massiert meine Brüste, meinen Hals und jeden einzelnen Finger, krault meine Kopfhaut und streicht die Denkerfalte zwischen meinen Augenbrauen glatt. Was gibt es Sinnlicheres als warmes Öl auf der Haut und absichtslose Berührung?

Wo ihre Hände mich berühren, spüre ich, wie die Magnete unter meiner Haut sich zu ihr aufrichten. Ich spüre meine Energie ansteigen und fühle mich, wie sie es vorausgesagt hat, genährt und liebevoll umfangen. Es ist, als ob die Märzsonne in mir aufgeht. Ich sauge diese Momente mit allen Wahrnehmungskanälen auf, um Erinnerungen zu schaffen, an denen ich mich in kalten Wintermonaten wärmen kann. Irgendwann liege ich von Kopf bis Fuß ölig wie eine Sardine und gefühlt angenehme 10 kg schwerer in ihrer Matratze.

Sie fragt, ob sie mich im Intimbereich massieren darf. Und wie sie darf. Geliebtes Tor zur Lust, wie lange warst du unbesucht. Ausladende Streichungen, gefolgt von Kreisen. Vorbei die Scham aus pubertären Zeiten, wo ich meine inneren Schamlippen immer mit den äußeren verdeckte, weil die „kleinen“ Schamlippen so einladend nach außen drängten ...

Wie die Tantra-Massage weiter verlief lesen Sie in Séparée No.16.

 

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