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FLT*I* BDSM - Aha, und was ist das?

separee
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Cäcilia Fischer

Was BDSM bedeutet, weiß inzwischen fast jede(r): Bondage, Disziplin, Dominanz, Submission (Unterwerfung) und Sado-Masochismus. Aber BDSM ist nicht gleich BDSM. In der FLT*I*-BDSM-Community werden Lust und Begehren jenseits klassischer Rollen und Geschlechternormen ausgelebt. In Sachen Kommunikation und Konsenskultur lässt sich dort viel lernen. Anne Deremetz, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Passau, hat eine ethnografische Feldstudie über die BDSM-Szene geschrieben und klärt uns über ein paar grundlegende Dinge auf.

  • Interview: Cäcilia Fischer
    Foto: ebprodigy - Pixabay.com

 Frau Deremetz, was bedeutet FLT*I* BDSM konkret?

Unter BDSM sind sexuelle und non-sexuelle Vorlieben und Neigungen zu verstehen, die um die Themen Macht, Gewalt und Kontrolle kreisen. Und FLT*I* steht für Frauen, Lesben, Trans*- und Inter*Personen. (Anm. d. Red.: Begriffserklärungen unter dem Text)

Welche Unterscheidungen gibt es hinsichtlich der Rollenbilder und Spielerkonstellationen?

Wie und mit wem gespielt wird, ist immer Aushandlungssache der Spielenden selbst. In vielen Bereichen ist die BDSM-Szene weiterhin zweigeschlechtlich, also männlich-weiblich kodiert. Es werden zwar auch die bisherigen tradierten Geschlechterrollen umgedreht, z.B. wenn eine Frau dominant ist und ein Mann submissiv. Die Zweigeschlechtlichkeit wird dadurch aber nicht unbedingt aufgegeben. Dazu fällt mir eine Debatte ein, die man auch SM-Paradox nennen kann: Verliert eine dominante Frau ihre Rolle, wenn sie sich von ihrem submissiven männlichen Partner penetrieren lässt, sprich Sex mit ihm hat? Für männliche Dominante und weibliche Submissive stellt sich diese Frage überhaupt nicht.

Welche Bedeutung hat die FLT*I*-BDSM-Community in der Szene?

Die BDSM-Szene differenziert sich ja immer weiter aus, durch die FLT*I*-Community kann sie um gewissen Themen bereichert werden und sich dadurch auch inhaltlich weiterentwickeln. Den Einfluss der FLT*I*-Community sehe ich vor allem darin, dass der Schwerpunkt auf die Praktizierenden gelegt wird. Wer spielt da eigentlich mit wem? Dadurch werden die etablierten Rollen und Identitäten hinterfragt und neu ausgehandelt. Somit werden auch neue Rollenbilder und Identitäten möglich. Das schafft gewiss zunächst Unordnung und Unsicherheiten, und ich kann mir vorstellen, dass die FLT*I*-Community zu Beginn keinen leichten Stand hatte, rüttelt sie doch am Altbewährten und da gibt es bekanntlich ja immer Reibung. Die FLT*I*-Community kann aber dazu beitragen, das Verständnis von BDSM in Bezug auf die Themen Geschlechtlichkeit und sexuelle Identität zu modernisieren. Wenn man sie beitragen lässt.

Was sind die häufigsten Vorurteile gegenüber Lesben, Trans*- und Inter*Personen im BDSM-Bereich?

Ich empfand die BDSM-Szene während meiner Recherchen um einiges toleranter und gegenüber Neuem offener, als ich es aus anderen Szenen gewohnt war. Was aber oft ein Problem darstellt, ist, dass die meisten Events in der BDSM-Szene eben noch auf (meist heterosexuelle) Zweigeschlechtlichkeit ausgerichtet sind. Bei einem CFNM-Event (Clothed Female Naked Men – bekleidete Frau nackter Mann) zum Beispiel fällt der dominante Part dem weiblichen Körper zu, der männliche Körper übernimmt die submissive Rolle. Transgender-Frauen, die männliche Körpermerkmale aufweisen, wären also theoretisch von diesem Event ebenso ausgeschlossen, wie (lesbische oder heterosexuelle) submissive Frauen. Dennoch kann das von Event zu Event individuell festgelegt werden. Wenn Vorurteile auftreten, dann resultieren sie aus diesem Entweder-oder-Denken von Geschlecht und Sexualität. Ich glaube, das häufigste Vorurteil ist, dass vor allem Trans*- und Inter*Personen nicht eindeutig den bewährten Konzepten, also weder zum einen noch zum anderen zuzuordnen sind. Im Zuge der Rechtsprechung um das dritte Geschlecht fangen viele Menschen ja gerade erst an, sich mit Sowohl-als-auch-Konzepten auseinanderzusetzen. Und was man nicht kennt, dem gegenüber hat man bekanntlich erst einmal Vorurteile. Dass hierzu auch Strukturen geschaffen werden müssen, also z.B. Partys unabhängig von Geschlecht und Sexualität ausgerichtet werden müssen, ist wieder eine ganz andere Sache. Da sind aber momentan schon Veränderungen zu sehen. Fakt ist, dass sich die Szene immer weiter ausdifferenziert. Die Events können dadurch immer spezifischer werden. Mittlerweile trauen sich ja auch mehr Menschen, sich mit ihren sexuellen Vorlieben auseinanderzusetzen und diese auch auszuleben. Das schafft die Möglichkeit, Events für genau diese und jene Neigung anzubieten. Die Events werden dadurch aber auch homogener. Ob diese Entwicklung positiv zu bewerten ist, bleibt noch zu diskutieren.

Intersexuelle: Menschen, die genetisch oder auch anatomisch und hormonell nicht eindeutig dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden können.

Transsexuelle: Menschen, die sich nicht oder nicht ganz dem bei der Geburt zugeordneten Geschlecht zugehörig empfinden.

Pansexuelle: Menschen, die in der Lage sind, für Menschen aller Geschlechtsidentitäten sexuelle oder romantische Gefühle zu empfinden.

Heteroflexible: Menschen, deren sexuelle Orientierung hauptsächlich heterosexuell ist, die aber eine minimale homosexuelle Neigung in sich tragen, ohne bereits als bisexuell zu gelten. Die umgekehrte Situation wird durch den Begriff Homoflexibilität beschrieben.

Queer-Theorie (engl. queer theory): Die Queer-Theorie geht davon aus, dass die geschlechtliche und die sexuelle Identität durch Handlungen erzeugt werden. Die Anwendung der Queer-Theorie in einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen bezeichnet man als Queer Studies.

Das vollständige Interview finden Sie in Séparée No.20.

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