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Endlich geküsst

separee
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Alma Fabian

Viele lange und ungeduldige Jahre musste ich auf den Moment warten. Schon im Kindergarten war ich in einen Jungen aus der Nachbargruppe verliebt, aber niemals tauschten wir einen noch so keuschen Kuss. In der dritten Klasse träumte ich vom Kuss eines Klassenkameraden. Ich prügelte mich mit einer Freundin um ihn und gewann. Wir „gingen“ dann ein paar Tage miteinander, aber für einen Kuss reichte auch das nicht aus. Es schien ein Fluch auf mir zu lasten.

  • Text: Alma Fabian
    Foto: Warner Bros. Pictures

Sechzehn Jahre lebte ich ungeküsst, die letzten drei davon mit qualvoller Ungeduld. Dann endlich kam der heiß ersehnte Tag. Ich war schon lange in den jungen Mann verliebt. Als ich anfing, für ihn zu schwärmen, war ich dreizehn und in seinen Augen noch kein Mädchen, das zu küssen sich gelohnt hätte. Er war immerhin ein paar Jahre älter als ich. Wir lebten nicht in der gleichen Stadt und sahen uns nur selten. Ich weiß nicht mehr wie es kam, aber wir begannen einen Briefwechsel, als er zur Armee musste. Irgendwann bekam er Urlaub und wir verabredeten ein Treffen auf dem Bahnhof, auf dem er ohnehin umsteigen musste, um heim zu seinen Eltern zu fahren. Auch ich fuhr mit dem Zug dorthin.

Es war ein viel zu kühler Tag im Juni. Er kam um die Mittagszeit an, in seiner groben grauen Uniform und mit viel zu kurzen Haaren unter der Uniformmütze. Er führte mich zum Mittagessen in das Restaurant eines Hotels ganz in der Nähe. Der Raum war groß und hell und ungemütlich, wir saßen einander gegenüber an einem quadratischen Tisch mit weißer Tischdecke. Es war das erste Mal, dass ein Mann mich zum Essen einlud, in einem Hotel und in einer großen Stadt noch dazu. Ich fand es unsagbar romantisch und glamourös und fühlte mich ganz Frau von Welt. Nach dem Essen liefen wir etwas herum, aber es regnete und so entschieden wir uns, ins Kino zu gehen. Am frühen Nachmittag lief nicht viel. Als wäre es darauf angekommen. Wir setzten uns in „Greystoke – Die Legende von Tarzan, Herr der Affen“, der gerade erst begonnen hatte. Kaum saßen wir, legte meine Begleitung den Arm um mich, ging auf Tuchfühlung und fing an zu knutschen.

Ich werde mich bis ans Ende meiner Tage an den Geschmack dieser Küsse erinnern, aber beschreiben kann ich ihn nicht. Wenn ich die Augen schließe und leicht mit der Zunge schnalze, ist er sofort wieder präsent. Sollte ich dem Geschmack irgendwann noch einmal begegnen, ich würde ihn sofort erkennen. Geröstete Kaffeebohnen kommen ihm wohl am nächsten, aber der Vergleich ist unzureichend. Auch denke ich dabei manchmal an Erdnüsse und weiß nicht warum. Was wir an dem Tag zu Mittag gegessen hatten, ob er Kaffee getrunken hatte, weiß ich nicht mehr. Fakt ist: Nie wieder bin ich dem Geschmack seitdem begegnet, und das finde ich sehr kurios, denn immerhin habe ich seitdem viele Männer mit nicht nachlassender Leidenschaft geküsst. Aber diesen Mann kein zweites Mal. Nach dem Kino mussten wir uns beeilen und auf dem Bahnhof schnell verabschieden. Wir haben uns danach nie wiedergesehen.

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