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Du bist selbst für deinen Orgasmus verantwortlich

separee
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Janina Gatzky / Ute Gliwa

Maike Rotermund ist seit 2014 Geschäftsführerin von ORION, das vor rund 30 Jahren aus dem Familienunternehmen Beate Uhses hervorgegangen ist. Sie erklärt uns, wie es dazu kam, wie ihr eigener Weg zur Firmenspitze aussah und welche aktuellen Entwicklungen die Erotikbranche prägen.

  • Interview: Janina Gatzky / Ute Gliwa
    Foto: Orion

Séparée: Bitte erklär uns vorab nochmal eure Familienverhältnisse. Beate Uhse ist deine Oma gewesen, richtig?

Maike Rotermund: Nein, mit Beate Uhse bin ich gar nicht verwandt. Nachdem sie verwitwet und alleinerziehend war, traf sie meinen Großvater Ernst-Walter Rotermund, der bereits zwei Kinder, unter anderem meinen Vater Dirk Rotermund, aus erster Ehe hatte. Mit meinem Großvater hatte sie dann noch einen Sohn. Mein Vater hat lange Zeit bei ihr gelebt, also hatte er ein enges Verhältnis zu ihr.

Aber kanntest du Beate Uhse auch, als du klein warst?

Ich kannte sie nicht wirklich. Ich habe Erinnerungen als Kind an sie, dass sie mir und meiner Cousine kleine Geschenke gemacht hat, wie eine rosa Tasche mit Strasssteinen. Die Firmen wurden ja getrennt, als ich ungefähr fünf war, und danach haben sich auch die Wege innerhalb der Familie getrennt.

Warum sind die Firmen eigentlich getrennt worden?

Beate Uhse hat sicher damals gedacht, dass sie das Richtige macht: Läden und Kinos führte sie weiter mit ihrem Sohn Ulli Rotermund, den Versandhandel und den Verlag übernahmen mein Vater und mein Onkel, Klaus Uhse. Rückblickend hätte man vielleicht eine Holding Gesellschaft über alles setzen können, aber ich bin mir sicher, dass sie damals gute Gründe hatte, es so zu machen, wie sie es gemacht hat.

Gab es später Bestrebungen, das wieder zu ändern?

Ich glaube, die Entwicklungen der Firmen und die Herangehensweisen waren später so unterschiedlich, das wäre schwer gewesen, es wieder zusammen zu führen.

Wie alt warst du, als du wusstest, worin das Familienunternehmen bestand?

Es ist schwer, das genau zu datieren. Das Verstehen ist eher ein Prozess. Wenn ich in der Grundschule gefragt worden bin, was mein Vater macht, habe ich gesagt Kaufmann - das hatte ich einem offiziellen Dokument gelesen. Mein Vater war da eher vorsichtig.

Wusste dein Umfeld, was für ein Geschäft deine Familie hat?

Ja, das war bekannt. Aber in Flensburg sind die Leute mit Beate Uhse groß geworden, das war nichts Besonderes. Als ich älter wurde, wurde das von Freunden ab und zu angesprochen, aber eher selten.

Wann war abzusehen, dass die Firma dein eigener Weg werden würde?

Spät. Ich habe als Schülerin im Lager gejobbt, und nach dem Abi ein Praktikum gemacht, aber damals stellte sich mir die Frage überhaupt nicht, ob ich ins Unternehmen kommen möchte. Die Aufgabe meines Vaters habe ich immer als etwas sehr Verantwortungsvolles wahrgenommen, aber ich habe auch gesehen, dass er sich manchmal sehr viele Sorgen gemacht hat - mein Verhältnis zum Familienunternehmen war zwiespältig. Erst nachdem ich viele Jahre weg gewesen bin, bin ich erneut für ein Praktikum nach Flensburg gekommen, und dann hier geblieben, weil ich sah, wie vielfältig das Unternehmen und wie spannend die Branche war.

Stand dann relativ zeitnah im Raum, dass du die Firma übernehmen würdest?

Nein, ich würde sagen, ich bin da reingewachsen und habe Lust bekommen, das Geschäft schließlich selbst zu gestalten.

Du wurdest 2014 Geschäftsführerin. Was hat sich seitdem verändert?

Am Anfang dachte ich, dass sich nicht viel verändern wird. Nur unser Jurist kam am ersten Tag und sagte zu mir: „Herzlichen Glückwunsch, sollten wir vor Gericht müssen, geht es ab heute gegen Sie, nicht mehr Ihren Vater“. Trotzdem habe ich zum einen viel Respekt vor dem, was über 30 Jahre aufgebaut wurde, und zum anderen müssen wir uns Stück für Stück weiterentwickeln. Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass sich die Fragen über Sex und Beziehung in den vergangenen Jahren nicht geändert haben: das Grundbedürfnis ist ebenso wie früher eine erfüllte Beziehung zu führen, auch wenn man schon länger zusammen ist, und dazu gehört auch ein erfülltes Sexleben. Aber es gibt nicht den einen richtigen Weg, sondern viele und was für einen selbst der richtige Weg ist, sollte unserer Meinung nach jeder selbst herausfinden.

Erkennst du die Trends, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben?

Rein auf der Produktebene gibt es immer Wellenbewegungen in den Trends, mal rückt Fetisch stärker in den Vordergrund, weil Elemente in der Partymode aufgegriffen werden, dann verschwindet es wieder. Technik und Materialien entwickeln sich weiter, so dass Toys zum Teil immer ausgefeilter und erklärungsbedürftiger werden. Auf der gesellschaftlichen Ebene ist der Trend ganz klar ein neues Selbstbewusstsein der Frauen: dass Frauen nicht nur einen Orgasmus sondern auch eine eigene Lust haben dürfen und wollen. Das bedeutet aber auch, dass die Frauen selbst die Verantwortung übernehmen, es kommt kein weißer Ritter, sondern man muss sich selbst kennen und lieben lernen. Mein Vater hat mir zum 18. Geburtstag in meine Geburtstagskarte geschrieben: „Du bist selbst für deinen Orgasmus verantwortlich“. Ich hab die Karte morgens gelesen und gedacht „WAS?“. Ich habe es in dem Moment nicht als das Geschenk begreifen können, das es war. Im Nachhinein denke ich, das ist wahrscheinlich das Wichtigste, was er mir mit auf den Weg geben wollte: du bist immer selbst verantwortlich.

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Das gesamte Interview lesen Sie in Séparée No.21.

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