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Die totale Eleganz der wilden Tiere

separee
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Ute Cohen

„Liberté“ an der Volksbühne. Ingrid Caven als libertäre Duchesse de Valselay. Gesprächstermin am nächsten Tag im Hotel. Sie lässt sich in einem der violetten Loungesessel nieder, lächelt hinter leicht getönten Brillengläsern.

  • Interview: Ute Cohen
    Foto: Neal Franc

Ute Cohen: Frau Caven, ich habe noch den Klang Ihrer Stimme im Ohr. Die Aufführung hat mich begeistert. Die Kritiken kann ich mir nur als Revanche auf Castorfs Abgang erklären.

Ingrid Caven: Das war doch ´ne politische Situation. Als die ersten Verrisse kamen, dachte ich, das ist nur gut. Diese Aufmerksamkeit hätten wir von mittelmäßigen Kritiken, die irgendetwas Nettes geschrieben hätten, nicht erhalten. Wie haben Sie denn das Stück aufgefasst?

Ich war betört von dieser arkadischen Landschaft, den Farben, dem Somnambulen, der Plätscher-Szene des Nymphchens ... (Sie lacht.) Und Ihrem Gesang! Ein Schwanengesang, ein Abgesang auf die Liberté.

Das ist doch wunderbar. Mehr können wir nicht erwarten. Ich wollte ja eigentlich kein Theater mehr machen, doch das Thema „Liberté“ hat mich natürlich interessiert und Albert Serra hat insistiert. Wir werden das machen, sagte er, ob mit oder ohne Erfolg! Das ist eine sehr gute Haltung heute, wo alles immer nur Erfolg haben muss. Die Volksbühne hat noch etwas von einem alten Theater, mit den Ateliers und diesen wunderbaren professionellen Leuten. Dieses Castorf-Dings hatte ja auch seine Funktion. Er zog die Jungen an, wir – meine Generation – waren noch zu sehr kulturell eingebaut, mit Literatur und Poesie. Serra ist einer der Besten heute. Anstrengend ist es aber in dieser Kabine, dieser Sänfte, obwohl mir die Idee sofort gefiel. Allerdings fiel es mir schwer, mich zurückzuhalten, da ich nicht tun kann, was ich auf der Bühne sehr gut kann: Ausdruck von Empfindungen und Gedanken durch Körpersprache zu vermitteln.

Das haben Sie grandios gelöst. Ihr Lied ...

Serra hat ja eine künstlerische Intelligenz, die modern ist. Ein, zwei Mal hat er mit mir alleine geprobt. Da ging es um Intensität ohne Emphase. Ich kann woanders hindenken, über den Moment hinaus, nicht angstbesetzt, nicht nur um meinen eigenen Bauchnabel herum. Er weiß, dass ich eine Kraft hab, ohne viel zu machen. Serra wollte dann ein Lied von mir gesungen haben am Ende Stücks. Ich habe ihm vorgeschlagen, mit dem „Ave Verum“ von Wolfgang Amadeus Mozart zu arbeiten, einer Motette, die in der Eucharistie gesungen wurde. Der Komponist Marc Verdaguer hat elektronische Musik dazu komponiert, ich singe die Originalmelodie von Mozart in einer leicht gebrochenen Interpretation. Im „Ave Verum“ wird der Körper Christus ans Kreuz geschlagen als Vorgeschmack auf unseren Tod, und in der Eucharistie geht beim Sanctus dieser Körper in einer Transsubstantiation über in die heilige Hostie: eine geniale Idee des Katholizismus. Auch die Inszenierung arbeitet mit Transsubstantiation auf allen Ebenen.“

Sehen Sie mal, was ich mitgebracht habe: „Ingrid Caven“, den „Roman“ von Jean-Jacques Schuhl, Ihrem Lebensgefährten.

Oh ja, das Buch hat eine große Kraft. Jean-Jacques erstes Buch war übrigens ein Kultbuch: Rose Poussière. Alle haben es gelesen damals, die gesamte literarische und philosophische Szene, Foucault, Deleuze ...

Man merkt, dass er geschult ist im Strukturalismus. Und in Poesie.

Voilà, das wird ihm gefallen. Das werde ich ihm sagen, obwohl er das Wort Poesie nie in den Mund nehmen würde. In dem Buch hat er sich mit der deutschen Sprache auseinandergesetzt. Er kommt ja aus einer jüdischen Familie. Sehr früh las er Brecht, hörte Marlene Dietrich. Er hat einiges mitbekommen von der deutschen Romantik, sonst hätte ihn das vielleicht auch nicht so gepackt, mit mir etwas anzufangen, eine Symbiose zu versuchen zwischen Bewegung und Sprache, sich mit der Feindessprache auseinanderzusetzen, von jemandem dargebracht, den man liebt. Jean-Jacques ist extrem tolerant gegenüber der eigenen Einsamkeit. Fassbinder war auch jemand, der einsam war. Mich interessiert es aber nicht, jemanden aus der Einsamkeit herauszuholen, sondern daneben zu begleiten. Rainer brauchte immer Leute um sich herum. Deshalb konnte er auch keinen Roman schreiben. Jean-Jacques ist sehr stark.

38 Jahre sind Sie jetzt mit ihm zusammen, Sie, die große Libertine. Wie verbindet man das, Loyalität und Liberté?

Ah, Sie sprechen mit der Stimme der Liberté jetzt gerade. (Sie lacht). Die Frage ist gut. Meine Art von Liberté ist nur dann fruchtbar, wenn ich einen Bezugspunkt habe, den ich lieben kann. Darin bin ich vielleicht sogar ein bisschen Kind geblieben. Das heißt nicht, dass ich immer zurückgeliebt werden muss, aber ich muss lieben können, nicht nur etwas, sondern eine Person, sonst ist die Angst, getrennt zu sein von allem, zu groß für mich, vor allem seit ich nicht mehr in diesen politischen Kämpfen stehe, denn die haben einiges ersetzen können an Notwendigkeit, nicht direkt zu lieben. Man kann da Liebe auch transponieren auf mehreres, Mehrere. Das ist vielleicht eine Illusion, aber ohne die können wir nicht. Die Religion kann ja auch vieles ersetzen – nicht für mich allerdings.

Als Kind waren Sie sehr gläubig.

Ich war völlig abgefahren auf die Maria. Im Glauben kann man lange hausen. Wenn man das alles nicht mehr hat, wird’s brenzlig. Dann ist es gut, wenn man jemanden lieben kann.

Monstre und sacrée, Monster und Heilige – so beschrieben Sie sich selbst als Kind.

Ja, ich hatte starke Allergien, Hautprobleme. Alle waren erschrocken, hatten Mitleid. Ich hab’ versucht, Clownerien zu machen. Ein Kind hat ja Empathie. Dabei hab’ ich aber auch entdeckt, dass ich etwas beeinflussen kann. Andererseits hab’ ich früh gesungen und Klavier gespielt und komponiert. Das ist mir mitgegeben worden. Meine Mutter hingegen konnte keinen Ton halten, hat Weihnachten immer falsch gesungen. Das gefiel mir gut. In diesen Sachen war ich eben gesund. Dann konnte ich ruhig mal wieder krank und monströs sein. Wenn ich nicht krank war, dann war ich so glücklich ...

Das gesamt Interview lesen Sie in Séparée No.17.

 

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