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Der stille Gesellschafter

separee
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Hannah Brandt

Ich spüre die warmen Hände meines Mannes auf meinen Brüsten. Er presst seinen Körper eng an mich und dringt langsam von hinten in mich. Ich schließe die Augen genüsslich und nehme seinen Rhythmus auf, bis kurz darauf ein anderer Takt in mein Bewusstsein drängt. Eindeutig das Trippeln kleiner Füße, das sich bedrohlich schnell dem Schlafzimmer nähert. Da wir die Tür immer leicht geöffnet lassen, damit wir hören, wenn das Kind nachts weint, weil es schlecht geträumt hat oder aufs Klo muss, sind es nur noch Sekunden, bis es um die Ecke kommen wird.

  • Text: Hannah Brandt
    Foto: didesign - Fotolia.com

Mein erster Gedanke: Mist. Mein zweiter: Bitte nicht jetzt! Mein dritter: Was tun? Mein Mann ist zu beschäftigt, um etwas zu hören und macht fröhlich weiter. Ich drehe mich ruckartig von ihm weg auf den Bauch, sozusagen „Bracing for impact“, wie es in der Pilotensprache vor einer Bruchlandung heißt. In diesem Moment landet das Minijumbo auch schon auf meiner Seite des Bettes und schlüpft schlaftrunken unter die Decke, rollt sich auf die Seite, das kleine Gesicht uns zugewandt und lächelt zufrieden wie ein kleiner Putte im Schlaf. „Das Kind,“ hauche ich entschuldigend in Richtung meines Mannes. Er lässt sich schwer neben mich in die Laken sinken. „Das war’s dann man wohl mal wieder,“ flüstert er frustriert zurück.

Keine Zuschauer unter 18 – hatten wir uns am Anfang unserer Elternschaft einmal scherzhaft geschworen, bevor die Realität in unser Leben einzog. Co-Sleeping nannte sich die vielgepriesene Methode alternativer Kindererziehung, die einfach aus sehr praktischen Gründen Sinn zu machen schien. Naturvölker hatten sie doch über Jahrtausende praktiziert ohne auszusterben. Also würden auch wir einen Weg finden, das Bedürfnis des Kindes nach elterlicher Nähe und Bindung und unseren Wunsch nach zeitgemäßer Kindererziehung mit unserem Bedürfnis nach lustvollem Sex unter einen Hut zu bekommen. Sex muss ja nicht im Bett stattfinden. Eine bestechend einfache Lösung für unser Problem. Nur bei Lichte besehen, waren Küchentisch und Dusche auf die Dauer nicht bequem, die Wohnzimmercouch ist aus einem teuren Leder und die Hängematte im Garten von drei Seiten einsehbar. Und ganz ehrlich, manchmal möchte man vor dem Einschlafen einfach nur ein bisschen Blümchensex im eigenen Bett. Wahrscheinlich sind Naturvölkereltern einfach abgebrühter oder natürlicher im Umgang mit Sex und Kind. Wir sind nicht so locker und lässig. Deshalb hat das Kind jetzt ein eigenes kleines Bettchen ein Zimmer weiter, wo es in der Regel ein-, aber nicht durchschläft. Das Schlafthema beschäftigt unseren Freundeskreis mittlerweile stundenlang. Jeder hat eine Meinung, ein Rezept, Erfahrungen, aber niemand spricht über das Problem Sex. Bis ich es einmal in eine Brunchrunde warf, wo es, statt wie eine Bombe zu explodieren, zum Fehlzünder wurde. Betretenes Schweigen, Rumdruckserei, ein paar Najas und Wiesos. Schliefen ihre Kinder wirklich alle brav durch oder hatten sie alle keinen Sex mehr?

Das Kind neben mir hat einen eingebauten Entfernungssensor, der bei einem Abstand von 15 cm von Mama Alarm auslöst. Kaum rutsche ich näher an meinen Mann, um wenigstens noch seinen Körper zu spüren, rollt es wieder an mich heran. In diesem Moment, eingequetscht zwischen den wichtigsten Menschen in meinem Leben, steigt Wut in mir auf. So sehr ich das Kind liebe, ich will mir in dieser Nacht nicht die heiße Nummer verderben lassen, die sich kurz vorher angekündigt hatte. Da ich praktisch veranlagt bin, gibt es eigentlich nur zwei Optionen: Kind schnappen und wieder in sein Bett tragen oder zur Seite schieben und ignorieren. Irgendwo in meinem Hinterkopf macht sich mein persönlicher Jugendschutzbeauftragter warm. „Geht nicht, wir werden unser Kind verderben.“

„Wie blöd ist das denn!”, kommt unverzüglich der Einwand aus der liberal-aufgeklärten Ecke meines Gehirns, das das Naturvölkerargument in die Runde wirft. Und lassen wir mal die Kirche im Dorf, die mit ihrer Moralauffassung von Sexualität unser Leben definitiv nicht leichter macht – das Kind ist 2! Es ist genau hier auf sehr gefühlvolle und vergnügliche Weise entstanden. Also schiebe ich es beherzt auf die Seite, baue vorsorglich aus Kissen eine kleine Rückrollsperre und wende mich meinem Mann und der in der Zwischenzeit verblühten Pracht seiner Erektion zu. Kurz darauf haben wir den Rhythmus wieder aufgenommen. Der stille Gesellschafter schnarcht leise vor sich hin und stört nicht weiter.

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