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Das Orientalische ist voller Sexualität

separee
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Ute Cohen

Sex und Islam – für viele klingt das nach Feuer und Wasser. Die gläubige Muslima P.B. Fuchs belehrt uns eines Besseren. In ihrem erotischen Roman „Reise ans Ende der Lust“ verordnet sie Pembe, einer mit einem Deutschen verheirateten Türkin, eine Ehepause und schickt sie auf einen Sextrip in die Türkei. Mit sieben Männern erlebt Pembe in sieben Tagen Sex in allen nur erdenklichen Spielarten. Die Schriftstellerin Ute Cohen traf P.B. Fuchs in Berlin zum Gespräch.

  • Interview: Ute Cohen
    Foto: privat

Liebe Frau Fuchs, Sie sind Muslima und haben einen erotischen Roman geschrieben? Ist das selbstverständlich oder eine mutige Ausnahme?

Es sollte zumindest selbstverständlich sein. In Deutschland bin ich zwar noch allein auf weiter Flur. Wenn man aber in Richtung Westen schaut, findet man schon ein paar Gleichgesinnte. Eine junge Marokkanerin, die in Frankreich lebte, hat z. B. auch einen erotischen Roman geschrieben. In der Neuzeit ist Sexualität im Islam genauso tabuisiert wie im Christentum. Aber es gab eine Zeit, da war der Islam sehr fortschrittlich. Es gab sogar eine Art Kamasutra, eine Handlungsempfehlung in erster Linie für Männer allerdings. So wurde nahegelegt, dass der Mann im Sommer zu Frauen, im Winter zu Männern gehen solle. Das ist ganz klar eine Empfehlung zur Bisexualität. Dabei muss man immer im Hinterkopf behalten, dass auch die Frau das Recht auf Befriedigung hat und sich sogar scheiden lassen kann, wenn diese nicht gegeben ist.

Haben Sie Angst vor Anfeindungen?

Nein, ich habe überhaupt keine Furcht. Ich empfinde das Buch nicht als so problematisch. Ich bin in dieser Religion groß geworden, bin mit ihr vertraut. Die Ängste, dass etwas verletzend oder blasphemisch wirken könnte, kommen meist nur von außen, nicht aus der muslimischen Gemeinde. Da muss mich keiner beschützen.

Apropos kulturelle Differenzen: „Wenn ich es nicht mache, träume ich die ganze Zeit von Sex und wache manchmal auch mit einem Orgasmus auf.“ Schriebe eine Amerikanerin einen solchen Satz, würde man sie stante pede in die Sexentzugsklinik einliefern. Übertreiben Sie ein bisschen?

Nein, ich denke, dass jeder gesunde Mensch so fühlt. Als ich mich viel mit jungen Männern auseinandergesetzt habe, habe ich eine Menge gelernt. Wir haben eingebaute Filtersysteme. Körperliche Bedürfnisse werden verschüttet, wir kommen nicht an sie ran. Die Jungs sagten mir, alle sieben Minuten dächten sie an Sex. Da fragte ich mich, wie sieht’s eigentlich bei mir aus? Frauen müssten mehr in sich hineinhorchen und das aktivieren.

Sie kokettieren selbst mit kulturellen Stereotypen: „Da bin ich schon mehr Petra als Petra jemals sein wird, päpstlicher als der Papst, erst die Arbeit, dann das Vergnügen, nicht wahr?“ Finden Sie, dass die Deutschen lustfeindlich sind?

Sagen wir mal so, es gibt Dinge, die würde ein deutscher Mann so nicht tun, z. B. tanzen. Der türkische Mann tanzt für sein Leben gern. Die Art, wie er seine Hüften bewegt, sich schlängelt wie eine Schlange, das ist schon sehr erotisch. Zwischen den Geschlechtern gibt es so eine Art Kampf um die Sexualität. Es knistert. In Deutschland ist das viel steriler, es gibt einen Ablauf. Nicht Sex um des Sexes willen, sondern der Wunsch nach Beziehung, nach einer Art Anlage.

Das klingt, als seien türkische Frauen progressiver, befreiter?

In der türkischen Kultur wird nie offen über Sex geredet, aber was hinter verschlossenen Türen vor sich geht, ist sehr viel progressiver. Schein und Sein sind zwei ganz verschiedene Dinge. Ich würde aber gar nicht von Türken und Deutschen sprechen, sondern ganz einfach von Menschen. Manche leben ihre Sexualität, andere nicht.

Dennoch: Gibt es einen zentralen Unterschied zwischen der weiblichen Sexualität im Islam und in unserer christlich geprägten Kultur?

Ich würde nicht immer das Kulturelle betonen. Die Frauen sind die gleichen. Sex ist ein universelles Bedürfnis. Die Religion wirkt sich dann natürlich auf die Praktiken aus. Einerseits ist Sexualität im Islam nicht verboten, sondern sogar geboten. Andererseits zählt Jungfräulichkeit über alles. Frauen umgehen dieses Hindernis, indem sie vorehelichen Analverkehr praktizieren. Und wenn es dann doch zur Defloration kommt, findet man in der Türkei immer einen Chirurgen zur Ehrenrettung. Letztlich kann Religion Freiheit nicht geben, höchstens nehmen. Die Frau muss sich schon selbst ihre Freiheiten nehmen und sich vor Einschränkungen bewahren.

Pembe ist verheiratet, hat mit allen Männern Spaß im Bett, verlieben möchte sie sich jedoch in keinen. Sie unterscheidet ganz klar zwischen Sex und Betrug. Wie funktioniert das?

Ich sehe das getrennt. Es ist wie im früheren französischen Adel. Man heiratet und verliebt sich eben dennoch. Die Ehe war einfach ein Statement, garantierte Sicherheit. Heute hat sich vieles gewandelt. Wir sehen Scheidungen, die es gar nicht geben müsste. Die Scheidungsrate wäre deutlich geringer, wenn sich die Frauen einen Liebhaber und Affären gönnten. Wir haben zur Zeit eine romantisch verklärte Sache, d. h., wenn ich jemanden liebe, muss ich ein Leben lang auch mit ihm bumsen. Aber das muss doch gar nicht sein! Ich kann doch auch mal mit einem anderen vögeln. Wenn man sich diese Freiheit nimmt, schadet man dem anderen nicht. Meine Hauptfigur nimmt Urlaub von ihrer Beziehung. Das ist kein Betrug. Liebe und Sex müssen nicht unbedingt miteinander einhergehen.

Pembes Ehemann akzeptiert den Trip seiner Frau ohne Widerspruch. Muss ein solcher Göttergatte nicht erst erfunden werden?

Na, zumindest in der Hinsicht ist Pembes Gatte ein Traummann. (Sie lacht.) Andererseits spielt seine Meinung im Buch keine Rolle. Der Fokus liegt auf der Frau. Pembe beschließt ihre Lustreise, ohne eine Reaktion abzuwarten. Lust ist immer auch egoistisch. Sie ist kompromisslos. Es ist Pembe egal, was passiert. Freiheit bedeutet auch Risiko.

Die Rolle der älteren Liebhaberin scheint in der türkischen Kultur positiv besetzt. Hierzulande wird eine ältere Frau immer noch kritisch beäugt, wenn sie sich einen jüngeren Liebhaber nimmt.

In Deutschland sind verheiratete Frauen immer gleich raus aus dem Spiel. In der Türkei ist genau das der Reiz, da die Jungs die Frauen nicht gleich heiraten müssen. Ihre gesellschaftliche Stellung hat die Frau ja schon, ist offen also für reinen Sex. Verheiratete Frauen bedeuten auch einen schnellen Zugang zum Sex. Ob das negativ gesehen wird oder nicht, hängt von der Stellung der verheirateten Frau ab. Wer einen hohen Rang in der Gesellschaft hat, kann sich alles erlauben.

Die Sehnsucht Pembes nach jungen Männern, das Sprechen über Sex, die Art, wie sie sich Jungs auswählt, wirkt sehr männlich. Kehren Sie die Stereotype um?

Es kam für mich keine andere Herangehensweise in Frage. Das war so am effektivsten: Man plant eine Sexreise und plant eine Auswahl. Ob das jetzt männlich ist, weiß ich nicht. Dass Frauen aber weniger über Sex reden als Männer, ist wohl immer noch Standard. Da muss man einfach mal umdenken, auch mal darüber reden, welcher Schwanz einem besser gefällt. Wenn ich dann die Auswahl habe, dann nehme ich doch die Crème de la Crème. Pembes Reise ist ein Befreiungsakt. Warum sollten wir nicht wählen?

„Eine Sexreise, die mit dem Ruf des Muezzin beginnt.“ – Das klingt provokativ. Haben Sie keine Angst vor Tabuverletzungen religiöser Art?

Nein, ich will die Stereotype der Gläubigkeit aufbrechen. Man muss den Glauben mit sich selbst ausmachen. Ich muss mich immer wieder reiben, stoßen, um meinen Glauben auszurichten. Auch Pembe hadert, verweigert die Deutungshoheit anderer über Religion. Im Islam gibt es ohnehin sehr viele Richtungen.

Das vollständige Interview mit P. B. Fuchs ist in Séparée No.16 zu lesen.

Ihr Roman ist bei Amazon erhältlich.

 

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