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Janina Gatzky

Fetisch: verrucht, unanständig, peinlich? Auch wenn der eine oder andere Fetisch im Mainstream angekommen ist und Lack und Leder längst keine Tabuthemen mehr sind, fällt es vielen Menschen schwer, sich ihre sexuellen Vorlieben einzugestehen und zu leben.

  • Text: Janina Gatzky
    Fotos: Duke L.

Als wir uns das erste Mal begegnen, ist Duke L. (30) sichtlich nervös und befangen. Sein Fetisch ist ihm unangenehm. Eine Last, die er sein Leben lang mit sich herumträgt. Ein Fehler im Persönlichkeitsprogramm, so empfindet er selbst seine sexuelle Vorliebe. Vor allem gegenüber potenziellen Partnerinnen, die sie höchstens dulden, ohne selbst die Erregung zu teilen. Als er mir schrieb, er habe einen Luftballonfetisch, bin ich vor allem überrascht, zugegeben, zuerst auch etwas amüsiert. Aber vorstellen kann ich mir darunter wenig. Mit meinen ersten Fragen versuche ich das Terrain abzustecken: Erregt dich der Anblick oder turnt dich das Aufblasen an? Werden die Ballons konkret für sexuelle Handlungen eingesetzt?Was passiert, wenn sie platzen?Brauchst du Luftballons beim Sex, um zu kommen? Was sagen Sexpartnerinnen dazu?Was passiert beim Anblick von Luftballons in der Öffentlichkeit, z.B. auf einem Kindergeburtstag?

Schnell entwickelt sich zwischen uns ein ernsthaftes, offenes Gespräch über sexuelle Vorlieben und Spielarten. „Looner“, abgeleitet vom englischen Balloon, nennen sich Menschen, die Luftballonfetischisten sind. Die einen erregt das Aufblasen oder die Haptik des Gummis. Andere lieben es, wenn die Ballons bis zum Bersten mit Luft gefüllt sind und platzen. Duke L. ist ein Non-Popper. Platzen dürfen die Ballons bei ihm also nicht. Als Kind versetzten Luftballons ihn in Panik, Kindergeburtstage waren eine Qual. „Wo ein Ballon war, da lief ich einen großen Bogen. Er könnte ja platzen. Davor hatte ich Angst.“ Bis heute empfindet er eine Hassliebe, auch wenn die Angst sich gelegt hat. „Platzende Ballons mag ich immer noch nicht, faszinierenderweise erregt es mich aber, wenn ein Ballon möglichst prall ist“, sagt Duke L. Vielleicht steckt ein altes Trauma dahinter. Bedrohung, Angst und Unsicherheit erzeugen ein Erregungsniveau vergleichbar mit dem sexueller Appetenz. Woher ein Fetisch kommt, ist in der Wissenschaft nicht abschließend geklärt. Die Psychologie betrachtet die sexuelle Vorliebe für bestimmte Körperteile oder Gegenstände als gewöhnliche Spielart der Sexualität. Als behandlungsbedürftig wird eine solche Fixierung oder sexuelle Devianz nur unter bestimmten Bedingungen eingestuft, nämlich dann, wenn der Fetisch die partnerschaftliche Sexualität komplett ersetzt, sexuelle Befriedigung ohne den Fetisch fast unmöglich ist oder großer Leidensdruck beim Betroffenen entsteht.

Im Internet schaue ich mir zu Recherchezwecken ein paar Videos an und bin überrascht, wie aufreizend eine junge Frau einen Ballon aufblasen kann. Der Begriff „Blowjob“ bekommt hier eine ganz eigene Dimension. Sie leckt am schmalen Gummihals, stößt dann immer wieder kräftig Luft in die Gummihülle, die sich allmählich auf ein beachtliches Maß dehnt. Behutsam hält sie die hauchdünne Kugel und streichelt sie sanft wie einen menschlichen Körper. Ihre Luftstöße klingen wie ein leises Stöhnen. Zwischenzeitlich klimpert sie mit ihren langen Wimpern in die Kamera. Nach einigen Minuten Looner-Porno kann ich durchaus intellektuell nachvollziehen, dass ein Luftballon, oder vielmehr der Akt des Aufblasens, Lust erzeugen kann. Auch die Parallelen zu einem anschwellenden, immer fester werdenden Penis sind durchaus nachvollziehbar.

Duke L. mag es besonders, wenn Frauen etwas größere, aber normal geformte Ballons aufblasen. Ob beim Vorspiel oder während des Aktes. „Am spannendsten ist für mich, wenn man dabei über die normalen Grenzen des Aufblasens hinausgeht und die Ballons entsprechend groß, also sehr prall aufbläst, wenn sich der Ballonhals herausdehnt und der Ballonkörper sehr hart wird. Auch das Anschmiegen der Frau an den Ballon kann sehr anregend sein“, beschreibt er, was ihn sexuell an Luftballons erregt, die einen Durchmesser von 60 bis 70 cm haben können. Die vergleichsweise winzigen Luftballons, die bei Kinderfesten oder Wahlveranstaltungen durch die Gegend fliegen, turnen ihn hingegen nicht an. Einer anderen Loonerin, die anonym bleiben möchte, geht es da etwas anders: „Wenn ich Ballons in der Öffentlichkeit sehe, möchte ich diese am liebsten sofort haben! Es erweckt die Lust, was mit ihnen machen zu wollen, aber nicht um jeden Preis, ich bin nicht erregt, ich empfinde auch keine „Lust“, wenn Kinder damit spielen oder ich Luftballons auf der Straße sehe.“ Überhaupt scheint das Spiel mit Ballons grad bei Frauen ein neuer Sex-Trend zu sein, glaubt man Beiträgen im Internet. Man kann sich an ihnen reiben und sie lassen sich hervorragend reiten. Dazu muss man nicht mal nackt sein. So teilt eine jungfräuliche Australierin auf Youtube ohne falsche Scham ihre Liebe zum Luftballon. Karo (23), auch sie möchte nicht namentlich genannt werden, empfindet Vergnügen, ihre langen Fingernägel in die enorm gespannte Membran zu pressen und zu testen, wie viel Druck der Ballon verträgt, bevor es zum großen Knall kommt. Für sie hat das Spiel mit dem Luftballon auch etwas Beherrschendes: die Macht, ein Objekt zur Deformation zu zwingen.

Bei Duke L. sind Ballons eher eine Beigabe zum erotischen Spiel. So wie andere Spaß an Nylonstrümpfen, Uniformen oder Highheels haben. „Natürlich geht es auch ohne. Aber ab und zu ist es ganz schön“, sagt Duke L. Krankhaft ist das nicht. Dass er sich selbst mitunter für seine Vorliebe zu schämen schien, konnte eine frühere Liebschaft aber nie völlig nachvollziehen. „Ich war zu dieser Zeit froh, dass es etwas wenig Aufwändiges gab, womit ich ihm eine so große Freude bereiten und das ich von Zeit zu Zeit im richtigen Moment als „Ass“ ausspielen konnte.“

Trotzdem möchte Duke L. manchmal seinen Fetisch noch loswerden. Geht das? Vielleicht, so meint die Psychologin Anne S. im Gespräch, könne man einen Fetisch abtrainieren. Andererseits: Es gibt Fantasien, die jeder hat und haben kann. Deshalb rät sie: „Du kannst ihn ausleben, wenn du möchtest!“

Zusätzliche Fotos von Damen mit Ballons finden sich in Séparée No.3

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