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Fi...lleicht

separee
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Nachtspazierer
„Fick mich!“ Sie verzog zweifelnd ihr Gesicht. „Fffickst du mich?“ Das war zärtlich gehaucht und Tinka machte ihrem Spiegelbild als Abschluss einen dicken Kussmund. „Bitte, bitte fick mich doch, bitte!“ Jetzt Dackelblick und Schmetterlingsblinzeln. Die gespielte Verzweiflung stieg langsam wirklich in ihr hoch. Sie wendete sich frustriert von ihrem grell beleuchteten Badezimmerspiegel ab. Dann machte sie nochmals kehrt und blickte auf ihr ungeschminktes Gegenüber. Die blonden Strähnen stachen in alle Richtungen und ihre Wangen hatten wieder diese ungesunden roten Flecken, die auf ihrer blassen Haut wie gestempelte Farbkreise aussahen. „Und du wirst mich ficken, heute, pünktlich und vor allem anständig!“ Einen Moment lang sah sie sich mit schmalen Augen an, dann musste sie loslachen und mit beiden Händen am Waschbeckenrand Halt suchen.
Sie ging aus dem Bad direkt in ihre kleine Küche und drückte auf den Brühknopf der Kaffeemaschine. Dabei stieß sie sich den kleinen Zeh am Bein ihres Küchenstuhls. Lautlos riss sie den Mund auf, hopste einbeinig einmal im Kreis und ließ sich dann auf den Stuhl fallen. Die Kaffeemaschine röchelte unbeeindruckt weiter. Tinka zog die Beine auf den Stuhl und schaute an sich hinunter. Der ausgewaschene Pyjama fiel traurig über ihre Rundungen und ließ sie wie einen verschlafenen Buddha aussehen. Verführerisch sah anders aus. Sie hangelte nach ihrer Kaffeetasse und ging ihren Plan im Kopf nochmal durch.
Sie hatte geladen zum Filme schauen. Diesen Abend pünktlich um 20 Uhr. Einziger Gast war Sebastian, drei Semester über ihr, groß und schlaksig wie sie es gerne hatte und mit warmen braunen Augen, die genauso wie ihr Kaffee am Rand leicht durchsichtig waren und dahinter eine dunkle faszinierende Tiefe andeuteten. Die Art der Einladung war für sie eigentlich eindeutig: Filme schauen, das hieß zusammen auf der Couch lümmeln, gedämpftes Licht, er würde irgendwann seinen Arm um ihre Schulter legen und alles andere ginge wie von selbst.
Da sie aber von Sebastians Schüchternheit wusste, hatte sie noch mehr im Köcher: Rotwein, nicht vom Discounter, sondern ein edler aus der Vinothek, würde auf dem Couchtisch stehen. Im richtigen Moment würde sie ihn dann über ihre Bluse schütten. Das Todesurteil war letzten Abend vor ihrem Kleiderschrank auf die blaue mit den Rüschenärmeln gefällt worden. Dann würde sie ihren großgewachsenen Ritter verzweifelt anblicken. Die Bluse müsste natürlich ausgezogen werden, versteht sich ja. Sie hatte für diese Situation ja auch ihre Urlaubskasse geplündert und den schweineteuren Spitzen-BH mit den fast durchsichtigen Körbchen gekauft. Sie würde vor ihm in die offene Küche tänzeln und umständlich das Salz aus dem Hängeschrank klauben. Dann würde sie ihn mit der nassen Bluse und dem Streuer ins Bad schicken, um die Bluse zu traktieren und das Gesehene zu verarbeiten. Wenn er wieder in der Tür stünde, würde ihre Jeans auf dem Boden liegen und sie selbst auf dem Sofa: eine von Reizwäsche umhüllte, wollüstige Versuchung. Sie würde zu ihm aufblicken und endlich den Satz sagen, den sie den ganzen Morgen geübt hatte. Perfekt!
Tinka grinste genüsslich in ihre leere Kaffeetasse. So würde es ein unvergesslicher Abend werden! Den ganzen Vormittag und auch noch bis in den frühen Abend räumte sie auf und putzte ihre Wohnung. Vor Aufregung hatte sie sowieso keinen Hunger. Den Rest der Zeit verbrachte sie im Badezimmer, um sich hübsch zu machen. Als es endlich an der Tür klingelte, war ihr Wohnzimmer für ihr Vorhaben bis ins Detail präpariert: Die DVD`s lagen unschuldig neben dem Knabbergebäck und den zwei Weingläsern auf ihrem Couchtisch, die Stehlampe flutete gedämpftes Licht in den Raum und ihre kleine Couch war vorgerückt und mit gemütlichen Kissen drapiert.
„Ich komme hoffentlich nicht zu spät....“ Er stand etwas unsicher im Türrahmen und hielt sich an einer Chipstüte fest.
„Das Kino hat heute Sondervorstellung, es geht los, sobald jemand da ist“, sagte sie und strahlte ihn an. Sie nahm ihm seine Jacke ab und führte ihn zum Fernseher.
„Haben die anderen abgesagt?“, fragte er etwas verdutzt, als er die zwei einsamen Gläser auf dem Tisch bemerkte.
„Äh, keine Ahnung, wir brauchen aber doch nicht zu warten!“ Tinka ärgerte sich, dass ihre Wangen heiß wurden. War es nicht zu offensichtlich? Doch Sebastian schien sich nicht zu stören, nahm Platz und beschäftigte sich mit den einzelnen Titeln auf den DVD-Hüllen. Er trug ein lässiges helles T-Shirt von irgendeiner Metal-Band, die sie nicht kannte. Darunter zeichnete sich sein schlanker Oberkörper ab. Tinka biss sich auf die Unterlippe. Eine Viertelstunde wollte sie ihm geben, bevor sie den Hebel umlegte.
Ein bewundernder Aufschrei zeigte ihr, dass er einen Film gefunden hatte, der ihm zusagte. Etwas hibbelig ließ sie sich neben ihm nieder und hielt die Fernbedienung Richtung Fernseher. Mit lautem Getöse lief der Actionfilm an und nach kurzer Zeit beugte sich Tinka zur Weinflasche.
„Ich hatte den noch in meiner Speisekammer stehen, von meinem Vater zum Einzug geschenkt“, sagte sie, während auf dem Bildschirm gerade irgendwelche Fabrikhallen explodierten. „Magst du ihn mit mir vernichten?“
„Du, ich bin eigentlich nicht so der Weintrinker...“, kam es von ihm. Ihr verschnupfter Gesichtsausdruck ließ ihn aber schnell hinzufügen: „Aber ich leiste dir gerne Gesellschaft!“
Mit zittriger Hand goss Tinka nun den Roten in die Gläser. Sie fragte sich, ob sie die Filme nicht doch eher nach ihrem Geschmack hätte aussuchen sollen. Er sollte sich doch in die Kissen kuscheln. Stattdessen saß er angespannt auf der Sofakante. Es lief nicht nach Plan. Dann also ohne Aufwärmen in die Vollen, dachte sie sich und hielt ihr gut gefülltes Glas zu seinem hin. „Cheers!“, krächzte sie mit belegter Stimme. Doch in diesem Moment explodierte wieder etwas auf der Mattscheibe und Sebastian drehte sich schnell zum Fernseher. Tinkas Glas schob sich statt an das andere Glas in die Leere, neigte sich gefährlich und entlud seinen Inhalt direkt auf Sebastians T-Shirt.
„Oh Mann, mein T-Shirt, und noch das von meinem Lieblingskonzert! Krieg' ich nie mehr wieder!“
„Es tut mir so leid, das war nicht so ge..., so wollte ich das nicht“, stotterte Tinka. Sebastian lief in die Küche. „Wirklich, tut mir super leid! Lass mich machen, nein, kein Wasser drauf!“
Aber er hielt sein Shirt schon leise fluchend unter den Wasserhahn. „Willst du es nicht lieber ausziehen?“, fragte sie vorsichtig, aber es klang irgendwie falsch in ihren Ohren.
„Ich habe fast das Gefühl, du wolltest es absichtlich über mich kippen!“ Seine Augen verengten sich misstrauisch, aber Tinka sah auch ein schelmiches Lächeln um seine Mundwinkel. „Ich schwöre“, Tinka hielt theatralisch zwei Finger in die Höhe, „dass ich es nicht über dich schütten wollte.“ Sie zögerte kurz. „Nicht über DICH“, fügte sie kleinlaut hinzu.
Seine dunklen Augen versuchten sie zu verstehen. „Der Film gefällt dir wohl auch nicht?“, bohrte er weiter.
„Dein T-Shirt, wir müssen Salz darüber geben“, versuchte sie mit rotem Kopf abzulenken.
Wortlos zog er es über den Kopf und hielt es ihr hin. Mit nacktem Oberkörper stand er jetzt dicht neben ihr und sah ihr bei den Rettungsmaßnahmen zu. Tinka Herz klopfte jetzt so laut, dass sie befürchtete, er könnte es merken.
„Du hast von vorne herein nur mich eingeladen?“, hörte sie seine warme Stimme nahe an ihrem Ohr, während sie die Körner weiträumig auf dem Fleck verteilte. Sie nickte nur kurz. „Es ging dir auch gar nicht darum, einen Film anzuschauen?“, drang er weiter in sie. Diesmal nur ein Kopfschütteln.
Tinkas Gedanken rotierten jetzt. Sie wusste, dass sie alles auf eine Karte setzen musste. Sie müsste sich doch nur zu ihm drehen und ihren Satz sagen. Aber ihre Hände klebten schwer wie Blei auf der Küchenplatte. Sie redete in Gedanken auf sich ein: Sag`s ihm einfach, sag, dass du scharf auf ihn bist, dass es dich verrückt macht, wie er mit nackter Brust neben dir steht. Dass du am liebsten über ihn herfallen würdest. Dass du ihn einfach nur...
„Du wolltest etwas ganz anderes mit mir machen, nicht wahr?“ Er war hinter sie getreten und sprach leise in ihr Ohr. Sie nahm allen Mut zusammen und drehte sich um, die Hände rückwärtig an die Küchenplatte gepresst. Ihre Augen glänzten und Blut pochte in ihren Ohren.
„Fi...“, sie musste trocken schlucken, „fi...lleicht!“
Dann gingen ihre Gedanken ins Leere, denn seine Lippen verschlossen ihren Mund und seine Arme schlangen sich um ihren Rücken. Sie roch nur noch seine Haut und schmolz eng an seine Brust gepresst in seinem Kuss. Sie torkelten immer noch küssend zur Couch und versanken in den verstreuten Kissen. Wie junge Hunde fielen sie übereinander her, zerrten sich die Kleider vom Leib und verschlangen gegenseitig ihre Haut. Mit halbem Ohr bekam sie noch mit, wie wieder irgendetwas im Film explodierte, dann explodierte sie.
Als sie am nächsten Morgen zusammengekuschelt auf der Couch neben ihm erwachte und er sie fragte, ob sie Lust hätte, den ganzen Tag im Bett zu verbringen, zögerte sie kurz und meinte dann: „Fi...lversprechende Aussichten sind das."

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