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Der erotische Raum

separee
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Julia Bellabarba

Paartherapeutin Julia Bellabara führt an dieser Stelle eine Reihe von kollegialen Gesprächen mit verschiedenen renommierten Sexualtherapeuten über deren aktuelle Veröffentlichungen. Das Gespräch mit Angelika Eck bildet den Auftakt der Reihe.

Julia Bellabarba: Dein Buch „Der erotische Raum. Fragen der weiblichen Sexualität in der Therapie“ gibt Paar- und Sexualtherapeuten Anregungen und konkrete Vorschläge, wie die weibliche „Lustlosigkeit“ im weitesten Sinne behandelt werden kann. Gleichzeitig vermittelt das Buch Verständnis für ein breites Spektrum wirksamer Barrieren des weiblichen Begehrens und der Erfahrung sexueller Lust: von hormonellen Faktoren, zu innerpsychischen, paardynamischen bis zu gesellschaftlich verankerten Faktoren. Warum hast Du Dich entschlossen, dieses Buchprojekt als Herausgeberin in Angriff zu nehmen?

Angelika Eck: Der Ausgangspunkt für dieses Buch war meine eigene therapeutische Erfahrung mit Frauen. Diese Frauen suchen mich auf, um eine Lösung zu finden, für ein Problem, dass sie als „Lustlosigkeit“ bezeichnen. Meine Patientinnen stehen mit ihrer Lustlosigkeit in dem Dilemma „Ich will nicht und ich will wollen“ oder “Ich sollte wollen“, denn gesellschaftlicher Konsens ist ja, dass man wollen soll. Ein interessanter Konflikt.

Der Titel „Der erotische Raum“ erinnert mich an einen etwas veralteten Begriff „das Frauenzimmer“.

Ja, eine interessante Assoziation. In dem Begriff „Frauenzimmer“ steckt die (männliche?) Außenperspektive. Etwas Unergründliches, Autonomes, aber auch nicht nur Angenehmes. Das spiegelt die Zwiespältigkeit, mit der weibliches Begehren beschrieben wird: Interessant und suspekt bis bedrohlich zugleich.

Das Wort Séparée nimmt diese Metapher auf. Wie bist Du in der therapeutischen Arbeit auf die Metapher des Raumes gekommen?

Eher Intuitiv. Als Therapeutin habe ich versucht, Frauen ein sinnvolles Angebot zu machen, die zu mir kamen und mir ihre Situation so geschildert haben: Kein Zugang zu eigenen Sexualität, keine Masturbation, keine Phantasien, keine Lust. Ich habe mich gefragt: wie kommen die dahin? Wie kann ich sie unterstützen? Wenn ich meine Patientinnen weiter direkt aufgefordert hätte, in der Therapie sexuelle Inhalte zu liefern, hätte ich den Druck noch weiter verstärkt. Ich habe also angefangen, den Rahmen viel weiter zu spannen und mit der Frau nach Quellen ihrer Lebendigkeit zu suchen und zu sehen, was sie genießen möchte. Und erst in zweiter Linie: Was sie sexuell möchte, oder vielmehr: Wie sie erotisch bei sich ankommen kann. Dazu gehört auch die Überlegung, dass die typische Paardynamik (einer fordert, der andere will nicht) eine Situation entstehen lässt, die, bildlich gesprochen, keinen (eigenen) Raum lässt. Wenn sich die Frau mit dem Rücken an die Wand gedrückt fühlt, ist da kein Platz für eigenes Wollen. Ich finde es in diesem Zusammenhang sehr wichtig, auch das „Nein“ zu bejahen, therapeutisch gesehen, ist das eine Ressource: wenn ich mir ohne schlechtes Gewissen zugestehe, diesen Sex nicht zu wollen, darf ich erst die so wichtige Frage stellen: welchen Sex will ich denn dann?

Apropos: Müssen wir therapeutisch immer auf der prosexuellen Seite stehen? So nach dem Motto „Sex ist gesund. Das müssen Sie machen!“

Ich sehe da auch ein gesellschaftliches Normativ. Wir dürfen zwar aus einer Vielzahl sexueller Präferenzen und Identitäten wählen, aber nicht grundsätzlich sexuelle Abstinenz wählen. Wieso sollte eine Frau (oder ein Mann) Sex haben wollen, wenn sie oder er nicht will? Praktisch ist oft das Problem, dass die Partner sich hier uneinig sind.

Kommen wir zurück zur sexuellen Selbstbestimmung. Was hat sich da seit den 70er Jahren für Frauen in Deutschland verändert?

Der Frauenbewegung haben wir elementare Fortschritte in der Gleichberechtigung von Mann und Frau und der sexuellen Selbstbestimmung zu verdanken. An mir selbst und anderen Frauen fällt mir aber auf: Das ist auch heute noch lange nicht abgeschlossen. An unserer Zeit finde ich interessant, dass alles nebeneinander existiert: Entwicklungen von der Keuschheit, sexuellem Unwissen oder Verboten in die Lust, Vom Gefühl des Mangels in einer Gesellschaft, in der man fast alles darf und wollen soll, zu selbst gewählten Formen der Sexualität. Rückschritte in alte Rollen. Oder aber von einer emanzipatorisch sinnvollen aktiven Selbstbehauptung im Leben in die selbstbestimte Hingabe an den Mann und sein dominantes Potenzial. Für mich sind das interessante Spannungsfelder, in denen wir uns alle bewegen und in denen jede Frau einen eigenen Ausgangspunkt für ihre Entwicklung hat.

Wie Erika Lust, die Produzentin feministischer Pornos, sagt „Eine Feministin muss im Bett nicht dominant sein …"

Ja. Die Frage ist: Ist sie selbstbestimmt und selbstbewusst genug, um sich auch führen zu lassen und sich hingeben zu können. Das ist eine wunderbare Facette archaischer Weiblichkeit.

Apropos Pornos. Sie sind ja traditionell ein Markt für Männer, aber die Frauenpornos sind auf dem Vormarsch. Gibst Du Deinen Klientinnen konkrete Empfehlungen?

Ich empfehle ihnen, sich im Netz weitläufig umzusehen. Nicht alles ist toll, klar. Aber Frauen finden so eine Bandbreite erotischer und pornographischer Anregungen, dass sie auf Gedanken kommen, die sie vorher nicht hatten, und besser verstehen, wie ticke ich erotisch? Sie entdecken vielleicht erotische Vorlieben, die sie selbst überraschen.

Wie beurteilst Du die normative Kraft der Pornoindustrie?

Pornoklischees erzeugen sowohl für Männer als auch für Frauen neue Leistungsnormen und ästhetische Normen. Lange Schwänze, glatte Muschis, phantastische sexuelle Leistungsbereitschaft. Jugendlichen und Erwachsenen ist zu wünschen, dass sie möglichst lebendige und menschliche sexuelle Erfahrungen im echten Leben sammeln, so dass sie die von Pornos vermittelten sexuellen Ideale nicht zum Maßstab nehmen und beide Welten genießen, aber auch unterscheiden können.

Ich möchte noch einen weiteren Aspekt ansprechen, der mir in der Arbeit mit Paaren relevant erscheint. Frauen, die in langjährigen Beziehungen sind, und sich in ihrer Sexualität früher sicher und stark gefühlt haben, profitieren von der Information, dass Erotik in Langzeitbeziehungen häufig nicht mehr spontan erfolgt.

Nicht nur die Information, dass es sehr vielen ähnlich geht mit dieser eierlegenden Wollmilchsau, die wir wollen: Langzeitbeziehungen, die sicher, emotional intensiv und erotisch aufregend bleiben, ist nützlich. Sondern Ideen dazu, wie wir hier flexibler werden können. Der Schwerkraft zu widerstehen, setzt aber voraus, dass Frauen und Männer auf eine gewisse sexuelle Kompetenz zurückgreifen können. Also mit ihrem langjährigen sexuellen Partner eine Fähigkeit mobilisieren können, erotische Gefühle hervorzurufen, wenn sie wollen.

Zu langjährigen Beziehungen gehört ja oft das Thema Verhütung, Schwangerschaft und Kinder. Welche Rolle spielen diese Themen in deiner Arbeit?

Ich arbeite nicht direkt mit Frauenärzten zusammen, versuche jedoch das Thema Verhütung in anamnestischen Gesprächen abzufragen. Die Pille oder Kondome haben Einfluss auf das sexuelle Erleben. Wenn Paare zu Eltern werden, wird Sexualität in der Regel noch mal neu verhandelt. Auch da tauchen wieder spannende Fragen nach Räumen und Grenzen auf. Können wir (dürfen wir) die Schlafzimmertür abschließen? Welche körperlichen Grenzen stehen mir als Mutter zu? Meiner Erfahrung nach, verstärken sich oft sexuelle Konflikte durch Schwangerschaft und Kinder bei den Paaren, die bereits vorher eine fragile oder vulnerable Sexualität hatten.

Wie können Eltern denn ihrerseits Mädchen in ihrer Sexualität unterstützen?

Indem sie Mädchen eine Landkarte des eigenen Geschlechts zur Verfügung stellen. Also eine wohlwollende Begleitung bei der Erkundung des eigenen Körpers leisten, natürlich unter Wahrung von Grenzen, und Mädchen das Vertrauen vermitteln, dass sie Genussräume, Körperlichkeit und Sinnlichkeit explorieren können. Außerdem sind Familien Vorbilder, Partner teilen Zärtlichkeit und Spaß, Eltern kümmern sich liebevoll und körperlich zugewandt um ihre Kinder. In der Schule halte ich eine Vermittlung von sexuellen Inhalten durch ausgebildete Sexualpädagogen für sinnvoll, möglicherweise außerhalb des regulären Unterrichts. Bei der Vermittlung anatomischer Informationen finde ich immer wieder wichtig, dass Mädchen erfahren, dass ihre genitale Anatomie nicht aus einem Loch und die Klitoris nicht aus einem kleinen Punkt besteht. Veranschaulichungsmaterial über die genaue Anatomie innerer und äußerer Räume einerseits und positive Analogien wie Blumen oder Blüten machen Sinn. Denn es geht ja um die positive, lustbetonte Aneignung des eigenen Geschlechts und der eigenen Sexualität.

Das Gespräch mit Angelika Eck führte Julia Bellabarba, Paartherapeutin in Berlin. Sie führt Therapiegespräche auf Deutsch und Englisch. http://paartherapie-coupletherapy.de/

240 Seiten, 26 Abb., Kt, 2016

ISBN 978-3-8497-0096-6

29,95 €

http://www.angelikaeck.de/

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